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Demografische Forschung aus Erster Hand

Bessere Aussichten für kleine Babys

Kognitive Nachteile durch ein geringes Geburtsgewicht sind viel kleiner geworden.

© marshy / photocase.com

Eltern, deren Kinder bei der Geburt ein geringes Gewicht auf die Waage bringen, haben häufig die Sorge, dass dieses geringe Geburtsgewicht sich für den Nachwuchs im späteren Leben nachteilig auswirkt. Tatsächlich haben viele Untersuchungen gezeigt, dass die kognitive Entwicklung dieser Kinder, die weniger als 2500 Gramm bei der Geburt wogen, in der Regel schlechter ist als bei Altersgenossen, die mit Normalgewicht zur Welt gekommen sind. Eine neue Studie aus Rostock zeigt nun jedoch, dass sich diese Nachteile in den vergangenen Jahrzehnten deutlich reduziert haben.

(Der folgende Text basiert auf dem Originalartikel Decline in the negative association between low birth weight and cognitive ability des MPIDR-Direktors Mikko Myrskylä und ist mit kleineren Änderungen ebenfalls erschienen in der Ausgabe 1/2016 der vierteljährlichen Reihe Demografische Forschung Aus Erster Hand.)

Bei Kindern mit geringem Geburtsgewicht entwickeln sich die kognitiven Fähigkeiten schlechter, als bei Kindern mit einem normalen Geburtsgewicht. In Großbritannien war der Unterschied in den Ergebnissen von kognitiven Test, die Kinder im Alter von 10 bis 11 Jahren absolvierten, die in den 1950er bis 1970er Jahren geboren wurden, sehr hoch. Er machte mehr als ein Drittel der Standardabweichung im Vergleich zu den Kindern mit normalen Geburtsgewicht aus. Dieser Unterschied entspricht 5 Punkten auf einer Standard-IQ-Skala.

Doch dieser Unterschied löste sich im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf und beträgt nur noch ein Zehntel der Standardabweichung. Das zeigen Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung sowie Alice Goisis und Berkay Özcan von der London School of Economics and Political Science anhand von drei großen Geburtensurveys in Großbritannien. Im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Science (PNAS) beschreiben die Forscher, wie sich die Situation für untergewichtige Säuglinge von 1958 bis 1970 leicht und bis 2001 sehr stark verbessert hat (s. Abb.1).

 

Abb. 1: Deutlicher Rückgang der kognitiven Nachteile: Im Basismodell wird berücksichtigt, ob es sich um das erste Kind handelt und welches Geschlecht es hat. Im erweiterten Modell werden da- rüber hinaus auch soziokulturelle Merkmale der Mutter erfasst und eingerechnet.

Die Studie zeigt, dass in sozial schwachen Familien häufiger Kinder mit einem geringen Geburtsgewicht zur Welt kommen. Mädchen, erste Kinder und Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft nicht gut auf ihre Gesundheit achteten, sind mit größerer Wahrscheinlichkeit bei der Geburt untergewichtig, so ein Ergebnis des Surveys.

Neben diesen Angaben wurden in den Surveys weitere Daten erhoben, wie das Alter der Mutter bei der Geburt, ihr Bildungsgrad, der soziale Status und andere Familiencharakteristika. Diese Faktoren hatten aber keinen wesentlichen Einfluss auf die Ergebnisse: Kinder mit einem niedrigen Geburtsgewicht, die in den Jahren 1958 und 1970 geboren wurden, schnitten signifikant schlechter in den Tests zu den kognitiven Fähigkeiten ab, als gleichaltrige Kinder mit normalem Geburtsgewicht. In der 2001-Kohorte war dieser Unterschied zwar noch existent, aber deutlich weniger ausgeprägt.

Das ist erstaunlich, weil bei den jüngsten Geburtenjahrgängen (2000-2002) mehr Kinder ein extrem niedriges Geburtsgewicht und damit besonders schlechte Ausgangslagen hatten. Aufgrund des medizinischen Fortschritts stieg der Anteil der Babys, die bei ihrer Geburt weniger als eineinhalb Kilogramm wogen von 0,1 Prozent im Jahr 1958 auf 0,7 Prozent in den Jahren von 2000 bis 2002. Es kann davon ausgegangen werden, dass im Jahr 1958 bei den untergewichtigen Kindern nur die gesündesten und stärksten überlebt haben, während in der 2001-Kohorte auch viel mehr Kinder mit einem sehr geringen Geburtsgewicht überlebten. Trotz dieses selektiven Effekts, der dazu führte, dass in der 2001-Kohorte viel mehr kleine Babys sind, zeigten die Ergebnisse der kognitiven Tests kaum eine Benachteiligung der Kinder, die sehr klein zur Welt kamen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die nach und nach immer besser werdende medizinische Versorgung der Kinder mit geringem Geburtsgewicht Ursache für die Verringerung der Benachteiligung ist, so die Autoren.

Mehr Informationen

  • Goisis, A., B. Özcan, M. Myrskylä: Decline in the negative association between low birth weight and cognitive ability. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 114(2107)1, 84-88. DOI: 10.1073/pnas.1605544114

  • www.demografische-forschung.org

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