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Neue Veröffentlichung | 20.06.2016

Die demografische Situation in Europa in 2060

Die MPIDR-Forscherin Fanny Kluge hat berechnet, wie unterschiedlich sich die Alterung der Gesellschaft in den europäischen Ländern auswirken wird. Ein Ergebnis: Vor allem die Länder, die heute von der Wirtschaftskrise gebeutelt sind, werden in einigen Jahrzehnten massive Probleme bekommen.

MPIDR-Forscherin Fanny Kluge und ihr Mitautor, der ehemalige MPIDR-Direktor Joshua R. Goldstein, nutzten Daten des so genannten National Transfer Accounts, die Aufschluss darüber geben, wie viele Steuern Menschen einer Altersklasse zahlen und wie viele Ausgaben der Staat für die gleiche Gruppe Menschen tätigen muss. Dadurch konnten die Forscher nicht nur die Zahl der Erwerbstätigen zu der Zahl an Kindern und Rentnern ins Verhältnis setzen, sondern auch die ökonomischen Variablen gewichten. Damit berechneten sie, wie das “demografische Defizit”, also wie stark das Haushaltsvolumen der einzelnen Länder abnimmt, bedingt durch die Änderungen in den Altersstrukturen.  „Wir machen keine Prognosen zu der Haushaltslage in den einzelnen Ländern, sondern berechnen lediglich, wie unterschiedlich stark sich der demografische Wandel auf die einzelnen Länder auswirkt", betont Fanny Kluge.

Ihre Ergebnisse, die die Forscher in der aktuellen Ausgaben der Fachzeitschrift Population Development and Review veröffentlicht haben, zeigen folgendes auf: Diejenigen Länder, die heute in ihrer Altersstruktur eher ungünstig aufgestellt sind, wie zum Beispiel Deutschland, Großbritannien und die skandinavischen Staaten, werden 2060 keinen so großen demografischen Defizit haben. Die Gründe hierfür sind von Land zu Land unterschiedlich. So sind zum Beispiel in Deutschland die in den vergangenen Jahren gesunkenen Geburtenraten dafür verantwortlich, dass der Anteil älterer Menschen wächst, während in Großbritannien ein Nachkriegs-Baby-Boom dazu beigetragen hat, dass es heute relativ viele alte Briten gibt.

Genau das entgegengesetzte Bild ergibt sich aber bei den europäischen Ländern, die bisher relativ wenig von dem demografischen Wandel betroffen sind, weil bei ihnen die Geburtenraten erst vergleichsweise spät gefallen sind, wie zum Beispiel Spanien, Griechenland und die osteuropäischen Staaten. Diese Länder werden in 2060 mit einem großen demografischen Defizit zu kämpfen haben. Auch hier sind die Gründe für das Defizit vielfältig: In den osteuropäischen Staaten, wie Polen, Rumänien und Bulgarien werden sich die nach dem Zerfall des Ostblocks abrupt gefallenen Geburtenraten auswirken. In Ländern wie Italien, Griechenland und Spanien ist es die Wirtschaftskrise, die für einen Rückgang der Geburtenrate verantwortlich ist.

„Vor allem die Länder, die heute mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu kämpfen haben, werden aufgrund der alternden Bevölkerungsstruktur in wenigen Jahrzehnten mit weiteren Haushaltsdefiziten zu kämpfen haben,“ erklärt Fanny Kluge.

Wir groß diese Defizite sein werden, beziffern die Forscher  auch: Rumänien müsste beispielsweise bis 2060 die Steuern um fast ein Drittel erhöhen, beziehungsweise die Staatsausgaben in der gleichen Größenordnung reduzieren, um das demografische Defizit auszugleichen, in Deutschland wären es circa ein Viertel.

Doch Steuererhöhungen und Einsparungen seien nur ein Mittel, um das demografische Defizit auszugleichen, so die Forscher. Mindestens genauso wichtig sei, in die jüngeren Generationen zu investieren. Gerade in den Ländern, die von der Wirtschaftskrise stark getroffen wurden, sind die Mittel im Bildungssektor und vor allem bei den Universitäten stark gekürzt worden. „Um das demografische Defizit auszugleichen, ist es wichtig die Produktivität der jüngeren Generationen zu erhöhen. Das geht nur, indem man in die Ausbildung investiert,“ sagt Fanny Kluge.

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Original-Artikel:  Joshua R. Goldstein and Fanny Kluge, Demographic Pressures on European Unity, Population Development and Review, Volume 42, Issue 2, Juni 2016, DOI: 10.1111/j.1728-4457.2016.00137.x

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