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Neue Veröffentlichung | 26.10.2015

Die Kindheit prägt die Einstellung zum Mutterdasein

© photocase.de/ Franziska Schellhaas

Frauen im Osten werden im Schnitt früher Mütter als Frauen in den alten Bundesländern. Doch wie sieht es bei ostdeutschen Frauen aus, die in den Westen gezogen sind? MPIDR-Forscherin Anja Vatterrott hat sich mit dieser Frage beschäftigt, um zu verstehen, ob eher die Sozialisation oder äußere Rahmenbedingungen Einfluss auf das Geburtenverhalten haben.

Deutschland ist seit 25 Jahren wiedervereinigt und doch bestehen nach wie vor große Unterschiede im Geburtenverhalten in Ost und West. Trotz Angleichungen werden Frauen im Osten im Schnitt jünger Mutter, bleiben seltener kinderlos und sind auch mit Kindern häufiger in Vollzeit berufstätig. In  westdeutschen Familien hingegen ist vielerorts immer noch der Mann der Hauptverdiener. Frauen müssen sich hier häufiger zwischen Kind und Karriere entscheiden.

Um den Ursachen des unterschiedlichen Geburtenverhaltens auf den Grund zu gehen, hat MPIDR-Forscherin Anja Vatterrott das Geburtenverhalten einer kleinen speziellen Gruppe Frauen angeschaut, nämlich die „Ost-West-Migrantinnen“, also Frauen, die im Osten geboren aber irgendwann in den Westen gezogen sind. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden nun im European Journal of Population veröffentlicht.

Anja Vatterrott schaute sich unter anderem an, wie alt die Frauen bei der ersten Geburt waren. Sie stellte fest, dass sich das Geburtenverhalten der ostdeutschen Frauen zumindest teilweise scheinbar an das der westdeutschen Frauen angepasst hat: Das Alter bei der Geburt des ersten Kindes lag zeitlich zwischen dem Alter der westdeutschen Frauen und dem Alter der ostdeutschen Frauen, die in den neuen Bundesländern wohnen geblieben sind. Aus diesem Ergebnis zieht die Forscherin die Schlussfolgerung, dass sowohl Sozialisation als auch die Anpassung an die äußeren Rahmenbedingungen Einfluss auf das Geburtenverhalten haben.

„Die Ost-West-Migrantinnen passen sich zwar an die äußeren Rahmenbedingungen an und bekommen, vermutlich aufgrund einer starken Berufsorientierung verbunden mit einer erschwerten Kinderbetreuungssituation, später Kinder. Auch der Umzug selbst und die damit verbundene Eingewöhnungszeit können die Familiengründung verzögern. Doch ihre Kindheit und Jugend im Osten hat die Frauen so geprägt, dass sich ihre Einstellung zum Mutterdasein nicht ändert, obwohl sie im Westen leben,“ erklärt die Forscherin.

Für ihre Untersuchungen nutzte Anja Vatterrott Daten aus dem so genannten Sozio-oekonomischen Panel (SOEP),  einer repräsentativen Wiederholungsbefragung, bei der jedes Jahr in Deutschland etwa 30.000 Menschen in fast 11.000 Haushalten befragt werden. Die Daten geben Auskunft zu Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, erhalten die Forscher detaillierte Einblicke in den Lebensverlauf der befragten Menschen und können so langfristige soziale und gesellschaftliche Trends untersuchen.

Mehr Informationen

Socialisation or Institutional Context: What Determines the First and Second Birth Behaviour of East–West German Migrants?, European Journal of Population
October 2015, Volume 31, Issue 4, pp 383-415
 

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