Home

News | 10.08.2016

Indien: 26,8 Millionen Menschen mit Behinderung

Weltweit gibt es eine Milliarde Menschen mit Behinderung, allein in Indien sind es 27 Millionen. MPIDR-Forscher haben gemeinsam mit indischen Kollegen herausgefunden, dass es in Indien in benachteiligten Regionen und in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen besonders viele Menschen mit Behinderung gibt.

Laut einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation gibt es weltweit mehr als eine Millarde Menschen mit Behinderung. Doch wie viele es genau sind, welche Bevölkerungsgruppen besonders betroffen sind und wo es besonders viele oder besonders wenige Menschen mit Behinderung gibt, ist weitgehend unbekannt. Grund dafür sind fehlende Datenerhebungen in den meisten Ländern.

“Wir gehen davon aus, dass es in Indien große regionale und sozioökonomische Unterschiede gibt, was die Verteilung von Behinderungen in der Bevölkerung angeht,” sagt Nandita Saikia, Erstautorin der Studie, die in der Online-Fachzeitschrift Plos One erschienen ist. “Zu wissen, wo besonders viele Menschen mit Behinderung leben und in welchen Bevölkerungsgruppen mehr Menschen mit Behinderung anzutreffen sind, ist wichtig, zum Beispiel, um die richtigen gesundheitspolitischen Maßnahmen zu ergreifen und Gesundheits-Programme zu entwickeln,” erklärt die Forscherin.

Um dies möglich zu machen, hat Nandita Saikia, die bis vor kurzem Max-Planck-Research-Fellow am MPIDR war und eine Professur am Centre for Study of Regional Development, Jawaharlal Nehru University in Neu Delhi innehält, gemeinsam mit ihrem Kollegen Jayanta Kumar Bora von der Public Health Foundation of India und den MPIDR-Forschern Vladimir Shkolnikov und Domantas Jasilionis, Daten aus einer großen Volkszählung, die 2011 in Indien durchgeführt wurde, analysiert. Dieser Zensus war ein wahrhaftiges Mammutprojekt: Alle Haushalte in fast 8000 Städten und in fast 650.000 Dörfern wurden dafür befragt. Befragt wurden die Menschen unter anderem nach Einschränkungen der Seh- und Hörleistungen und nach Einschränkungen in der Bewegung. Da bei dem Zensus nicht die Einkommenssituation in den Haushalten abgefragt wurde, mussten die Forscher einen Kniff anwenden, um den Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Bedingungen und dem Prävalenz von Behinderungen herstellen zu können. Sie nutzten hierfür zum Beispiel die Angaben der Befragten zur Alphabetisierung, oder Daten über den Zugang zu sauberem Wasser.

Die Forscher fanden heraus, dass in Indien rund 26,8 Millionen Menschen mit Behinderung leben, 70 Prozent davon in ländlichen Gebieten. Bei den jüngeren Männern treten Behinderungen häufiger auf, als bei jüngeren Frauen und in absoluten Zahlen gibt es mehr Männer als Frauen mit Behinderung, aber dieser Zusammenhang kehrt sich mit dem Alter um. Behinderungen sind deutlich häufiger in ärmeren und benachteiligteren Bevölkerungsgruppen zu finden, zum Beispiel bei Menschen, die einer Kaste oder einem Stamm angehören. Die größten Unterschiede fanden die Forscher aber vor allem bei einem geographischen Vergleich: Der Anteil der Menschen mit Behinderung variierte in den 640 untersuchten Bezirken zwischen einem und sechs Prozent.

Hier sehen die Forscher die Verantwortung bei der Politik: “In den Regionen, in denen viele Menschen mit  Behinderung leben, müssen gesundheitspolitische Maßnahmen ergriffen werden,” sagt Nandita Saikia. Zudem müsse man berücksichtigen, dass in einigen großen Entwicklungsländern, wie Indien und China, die Bevölkerung, ähnlich wie in den Industrieländern, immer älter wird. “Viele Behinderungen sind altersbedingt, wie zum Beispiel der Verlust der Sehkraft und des Hörsinns. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass es immer mehr Menschen mit Behinderung geben wird.”

Handlungsbedarf sehen die Forscher auch bei der Datenerhebung: “Bei dem indischen Zensus wurde eine sehr enge Definition von Behinderung gewählt. Hätte man sich an die international vergleichbare Definition der Weltgesundheitsorganisation gehalten, wäre die Zahl der Menschen mit Behinderung substantiell größer. Es ist dringend notwendig, diese Definition anzupassen, um genau zu wissen, vor welchen Herausforderungen das Gesundheitssystem stehen wird.”

Mehr Informationen

Original-Artikel:Vernetzen