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News | 19.12.2016

Kognitive Fähigkeiten von Kindern mit geringem Geburtsgewicht verbessern sich

© jUliE-p / photocase.com

Ein geringes Geburtsgewicht gilt als Risikofaktor für schlechtere kognitive Leistungen im späteren Leben. Doch dieser Risikofaktor scheint sich aufzulösen; bei jüngeren Geburtenjahrgängen ist er deutlich weniger stark ausgeprägt.

Kinder, die mit einem geringen Gewicht zu Welt kommen, haben im späteren Leben im Schnitt mehr gesundheitliche Probleme und schlechtere kognitive Fähigkeiten als Kinder, die bei Geburt ein normales Gewicht auf die Waage bringen. Das haben zahlreiche Studien in der Vergangenheit belegen können. Doch die medizinische Versorgung von Babys mit geringem Geburtsgewicht hat sich in den letzten Jahrzehnten immens verbessert. Deswegen könnte es sein, dass heute diese Babys weniger Nachteile haben.

MPIDR-Direktor Mikko Myrskylä hat nun gemeinsam mit Kollegen der London School of Economics untersucht, wie sich diese verbesserten äußeren Rahmenbedingungen bei der Geburt auf die kognitiven Fähigkeiten der Kinder mit geringem Geburtsgewicht auswirken. Ihre Ergebnisse, die in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienen sind, zeigen auf, dass  der Zusammenhang zwischen geringem Geburtsgewicht und verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit im Kindesalter seit den 1950er Jahren um zwei Drittel zurück gegangen ist.

Für ihre Untersuchungen nutzten die Wissenschaftler Daten aus drei britischen Kohortenstudien. In diesen Erhebungen, die 1958, 1970 und 2000/ 2002 starteten, wird die Entwicklung von rund 10.000 Kindern je Studie hinsichtlich Ausbildung, Einkommen und Gesundheit über eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten erfasst.

Die Forscher unterteilten die Kinder jeder Kohorte in je zwei Geburtsgewichtsklassen, nämlich in die Klasse derjenigen mit einem geringen Geburtsgewicht von unter 2500 Gramm und derjenigen, die mit einem normalen Geburtsgewicht von 2500 bis 4500 Gramm zur Welt kamen. Als Maßstab für die kognitiven Fähigkeiten nutzten sie die Ergebnisse von Sprachtests, an denen die Kinder im Alter von zehn bis 11 Jahren teilnahmen und von denen man weiß, dass sie gute Indikatoren für den Intelligenzquotienten sind.

Die Forscher fanden heraus, dass die Kinder  mit einem geringen Geburtsgewicht in allen drei untersuchten Kohorten im Durchschnitt schlechter bei den Sprachtests abschnitten, als die Kinder mit einem normalen Geburtsgewicht. Doch der Unterschied fiel in der letzten Kohorte (2000/2002)  deutlich kleiner aus, nämlich um zwei Drittel geringer, als in den ersten beiden Kohorten (1958 und 1970).

„Vor allem in den Siebziger Jahren hat sich in der medizinischen Versorgung der Neugeborenen sehr viel getan,“ erklärt Myrskylä. In den Siebziger Jahren wurde die Intensiv-Medizin für Neugeborene eingeführt. Seitdem werden diese kleinen oder zu früh geborenen Babys rund um die Uhr mit Geräten überwacht und beatmet. Außerdem gibt es neue Medikamente, die Frühgeborene in ihrer Entwicklung unterstützen. „Vermutlich haben diese Fortschritte in der Medizin dazu geführt, dass heute viele Schädigungen des Gehirns, die früher häufig bei sehr kleinen Babys auftraten, verhindert werden können“, sagt Myrskylä. Gestützt werden diese Ergebnisse durch eine weitere Erkenntnis, die die Forscher aus der 2000/2002-Kohorte gewinnen konnten:  Der Anteil der sehr kleinen Babys, nämlich solcher, die weniger als 1500 Gramm bei Geburt wiegen, nahm über die Kohorten hinweg zu. In dieser jüngsten Kohorte schnitten sogar diese Kinder, die unter sehr schweren Vorraussetzungen ins Leben starteten und bis vor einigen Jahrzehnten noch kaum Überlebenschancen hatten, bei den kognitiven Tests besser ab.

Die Forscher fanden aber auch heraus, dass eine Gruppe innerhalb der Kohorten immer besonders schlecht bei den Leistungstests abschnitt, nämlich die Kinder aus sozial schwachen Familien. „Der Zusammenhang zwischen schwierigen familiären Verhältnissen und den kognitiven Fähigkeiten der Kinder ist deutlich stärker, als der Zusammenhang zwischen dem Geburtsgewicht und den kognitiven Fähigkeiten. Es ist großartig, dass der Nachteil, den Babys mit geringem Geburtsgewicht haben, schwindet. Noch besser wäre es, wenn wir das gleiche für sozial benachteiligte Kinder beobachten würden,“ sagt Myrskylä.

Mehr Informationen

Original-Artikel: Goisis, Alice, Özcan, Berkay and Myrskylä, Mikko, Decline in the negative association between low birth weight and cognitive ability. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 2016, ISSN 0027-8424

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