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Die 100 in Sicht

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1950 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in Island 73,5 Jahre. In diesem Jahr war das der beste Wert weltweit. Doch er ist nur eine Momentaufnahme, welche die Bedingungen des Jahres 1950 auf die Zukunft projiziert. Tatsächlich liegt die weltweit höchste Lebenserwartung, die Frauen dieses Jahrgangs erreichen werden, voraussichtlich mindestens zehn Jahre höher.

(Der folgende Text basiert auf dem Artikel "Steep increase in best-­practice cohort life expectancy.  Population and Development Review 37(2011)3:  419-­434" des MPIDR-Forschers  Vladimir M. Shkolnikov und ist mit kleineren Änderungen ebenfalls erschienen in der Ausgabe 03/2012 der vierteljährlichen Reihe Demografische Forschung aus Erster Hand.)

Wie Vladimir Shkolnikov und seine Kollegen vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung in einer Studie prognostizieren, beträgt diese Rekord-Lebenserwartung der 1950 geborenen Frauen fast 84 Jahre und wird nicht in Island, sondern in der Schweiz erreicht. Der Grund für diese sehr unterschiedlichen Werte liegt in der beständig steigenden Lebenserwartung. Weil sich die Lebensbedingungen und die medizinische Versorgung über die Jahre beständig verbessert haben, ist auch die Sterblichkeit zurückgegangen. Das heißt also, dass eine Frau des Jahrgangs 1950 mit jedem Jahr, das sie lebt, von den besseren Bedingungen profitiert. Diese Entwicklung aber wird bei der gewöhnlichen Berechnungsmethode nicht erfasst. Sie berücksichtigt lediglich die Altersverteilung der Bevölkerung und der Gestorbenen innerhalb eines Kalenderjahres. Demografen sprechen hier von der so genannten „Perioden-Lebenserwartung“.

Sie zeigt, wie alt die Frauen werden würden, wenn die Sterblichkeitsraten, die es 1950 in Island gab, sich in den darauf folgenden Jahren nicht verändert hätten. Tatsächlich aber werden sie im Laufe der Zeit immer geringer. Während die Perioden-Lebenserwartung in der Schweiz also 1950 nur bei gut 71 Jahren und damit unter dem Wert Islands lag, darf der Schweizer Geburtenjahrgang von 1950 heute vermutlich mit fast 84 Jahren rechnen. Das  heißt, dass die Schweizerinnen im Vergleich zu den Isländerinnen einem geringeren Sterberisiko ausgesetzt waren. Damit ist Island zwar für das Jahr 1950 das so genannte best-practice Land mit der höchsten (Perioden-) Lebenserwartung für Frauen. Die Schweiz darf diesen Titel aber für den Geburtenjahrgang 1950, der so genannten Kohorten-Lebenserwartung, tragen.

 

Tab.  1:  Die  Lebenserwartung  für  die  Geburtenjahrgänge  ist  von  1870  bis  1950  um  30  Jahre gestiegen. Der   größte  Teil  dieses  Zuwachses  ist  darauf  zurückzuführen,  dass  die  Sterblichkeit  bei  den  65-­  bis  84-­Jährigen  und   den  über  84-­Jährigen  stark  zurückgegangen  ist.  Ihr  Anteil  an  der  gesamten  Lebenserwartung  ist  von  1870  bis 150 besonders stark angestiegen.

© HMD, eigene Berechnungen

Im Gegensatz zur Perioden-Lebenserwartung im Jahr 1950, die aus den tatsächlichen Sterbefällen des Jahres berechnet wird, sind die Zahlen für den Jahrgang 1950 (Kohorte) allerdings zum Teil prognostiziert. Denn zum Zeitpunkt der Studie im Jahr 2008 wussten die Demografen lediglich, wie viele Frauen bis zum Alter von 58 Jahren tatsächlich gestorben sind. Wie sich die Sterberaten in den darauf folgenden Jahren entwickeln werden, mussten die Wissenschaftler schätzen. Sie modellieren dafür die Sterblichkeit nach einzelnen Altersstufen und Jahren (Lee-Carter-Modell). Dies war für Jahrgänge von 1921 bis 1950 notwendig, für die älteren untersuchten Jahrgänge von 1870 bis 1920 musste keine Lee-Carter-Projektion durchgeführt werden, weil die Sterberaten bis zu einem sehr hohen Alter (Minimum 88 Jahre) bekannt waren.
Sowohl bei den endgültigen als auch bei den prognostizierten Zahlen zeigt sich jedoch: Die Lücke (L) zwischen der Rekordlebenserwartung eines einzelnen Kalenderjahres (Periode) und eines Geburtenjahrgangs (Kohorte) aus dem gleichen Jahr wird immer größer (s. Abb. 1). In den Jahren 1870 bis 1920 etwa stieg die höchste weltweit beobachtete Perioden-Lebenserwartung um gut drei Monate pro Jahr. Tatsächlich aber gewannen Frauen gegenüber ihren jeweils ein Jahr älteren Geschlechtsgenossinnen (Kohorte) in den so genannten best-practice-Ländern über fünf Monate, weil sie während ihres Lebens von einer beständig steigenden Lebenserwartung profitierten (s. Abb. 1). In der Zeit von 1870 bis 1920 vergrößerte sich diese Lücke dadurch von 1,3 auf fast neun Jahre. Die tatsächliche Lebensdauer, die 1920 geborene Frauen in den best-practice-Ländern erreichten, lag damit um neun Jahre höher als es die Sterberaten für das Jahr 1920 angaben. Bis 1950 wird diese Lücke den Modellierungen zufolge bereits ungefähr elf Jahre betragen. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, prognostizieren Vladimir Shkolnikov und seine Kollegen für die Jahrgänge der 1970er Jahre sogar eine mögliche Kohorten-Lebenserwarung von 93 Jahren in den best-practice Ländern. Die entsprechende Perioden-Lebenserwartung zwischen 1970 und 1979 liegt bei lediglich 77 bis 80 Jahren.

 

Abb.  1:  Die weltweit höchste Lebenserwartung, die anhand der Sterberaten einzelner Kalenderjahre berechnet wird, nimmt seit 1870 relativ konstant zu (blaue Linie). Ebenso konstant, aber noch steiler, steigt die Rekord-Lebenserwartung der Geburtenjahrgänge von 1870 bis 1950 (rote Linie). Die gepunkteten Linien basieren auf errechneten Prgonose-Werten.

© HMD, eigene Berechnungen

Für das Rentensystem, für Versicherungen oder für das Pflege- und Gesundheitswesen sind solche Unterschiede in der Lebensdauer von großer Bedeutung. So kann sich etwa in der Rentenberechnung schnell eine Lücke auftun, wenn der Anstieg der Lebenserwartung gar nicht oder in nicht ausreichendem Maße berücksichtigt wird.
Dieser Aspekt ist umso wichtiger, weil zusätzliche Lebensjahre vor allem im hohen Alter gewonnen werden. Denn wenn die Lebenserwartung steigt, so leisten verschiedene Altersgruppen unterschiedliche Beiträge zu diesem Zuwachs. Waren es vor einem Jahrhundert verbesserte Überlebenschancen bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, so sind es heute fallende Sterberaten bei Personen, die bereits das Rentenalter erreicht haben oder noch älter sind. (s. Tab. 1).

Interessant ist daher auch, wie viele Jahre der Lebenszeit auf das höhere Alter ab 65 Jahren entfallen. So hatten Frauen, die in dem Rekordjahrgang von 1870 (in Norwegen) geboren wurden, im Alter von 65 Jahren im Schnitt noch gut 15 Jahre zu leben. Frauen, die 80 Jahre später in dem Rekordjahrgang von 1950 (in Island) geboren wurden, werden dagegen im Schnitt noch ein Alter von voraussichtlich knapp 90 Jahren erreichen. Das heißt, die Kohorten-Lebenserwartung stieg um zehn Jahre an. In der gleichen Zeit, also von 1870 bis 1950, stieg die verbleibende Perioden-Lebenserwartung der 65-Jährigen lediglich um gut drei Jahre (s. Tab. 2).

 

Tab. 2: Auch die verbleibende Lebenserwartung für Neugeborene, 15-, 45-, 65- und 85-Jährige kann nach Kalenderjahren (Periode) und Geburtenjahrgängen (Kohorte) berechnet werden. Während der Unterschied zwischen der Kohorten- und Perioden-Lebenserwartung 1870 noch relativ gering ist, beträgt er 1950 etwa bei den 65-Jährigen bereits über acht Jahre.

© Quelle: HMD, eigene Berechnungen

Auch für die Zukunft, so betonen Vladimir Shkolnikov und seine Kollegen, sei mit einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung zu rechnen. Zwar werden immer wieder Faktoren wie Übergewicht und Zigarettenkonsum angeführt, die den positiven Trend bei der Lebenserwartung in hoch entwickelten Ländern stoppen könnten. Shkolnikov betont aber, dass sie auch in der Vergangenheit allenfalls für einen langsameren Anstieg in den best-practice Ländern gesorgt haben.

Bleibt noch die Frage, welche Länder es sind, in denen es sich so gut oder zumindest besonders lange lebt? Seit 1870 haben vor allem die skandinavischen Länder bei der Perioden-Lebenserwartung von Frauen Maßstäbe gesetzt. Erst seit Mitte der 80er Jahre wurden sie von Japan abgelöst. Bei der höchsten Kohorten-Lebenserwartung zeigt sich ein etwas anderes Bild: Auch hier ist es zwar vor allem Norwegen, das bei den Jahrgängen 1870 bis 1919 die Rekorde stellt. Bei den Frauen, die von 1920 bis 1950 geboren wurden, liegen den Berechnungen zufolge aber die Schweiz, Australien und Neuseeland vorn. All diese Länder zeigen, welchen Spielraum andere Staaten bei der Steigerung der durchschnittlichen Lebensdauer theoretisch haben.

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