16. April 2026 | News | Neue Publikation
Menschen mit ähnlichem Scheidungsrisiko heiraten einander häufiger
Aktuelle Studie zeigt: Ehepartner*innen ähneln sich stark in ihrem Risiko für eine Trennung
Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Zusammenarbeit mit dem Norwegischen Folkehelseinstituttet zeigt: Ehepartner*innen ähneln sich stark in ihrem Risiko für eine Trennung. Wer sich in einer Ehe befindet, ist nicht nur von seinem eigenen Hintergrund geprägt, sondern auch von dem des Partners. Die Analyse von über 350.000 norwegischen Ehen offenbart ein bisher unterschätztes Phänomen: Menschen mit ähnlichem Scheidungsrisiko neigen dazu, einander zu heiraten.

Eine aktuelle Studie des Max-Planck-Institutes für demografische Forschung (MPIDR) sowie des norwegischen Folkehelseinstituttet hat untersucht, was die angeheiratete Verwandschaft über das Scheidungsrisiko eines Paares aussagt. © istockphoto.com / Deagreez
Die in der Fachzeitschrift Twin Research and Human Genetics veröffentlichte Studie untersucht erstmals systematisch, ob sich Scheidungsmuster auch über „angeheiratete Verwandte“ wiederholen. Dazu wurden Daten aus landesweiten Registeranalysen genutzt, die mehr als 100.000 Großfamilien umfassten. Die Forscher verfolgten dabei nicht nur die biologische Verwandtschaft, sondern auch die Ehen von Geschwistern und Schwiegerverwandten.
„Das Scheidungsrisiko eines Paares ist höher, wenn auch die Ehe des Bruders des Ehemanns der Schwester der Frau des Bruders des Ehemanns geschieden wurde“, erklärt Philipp Dierker, Wissenschaftler am MPIDR. Vereinfacht gesagt, bedeutet das: Paul und Anna sind ein Ehepaar. Pauls Bruder Hank ist mit Sarah verheiratet. Ihre Schwester Hanna ist wiederum mit Dennis verheiratet. Dennis hat einen Bruder, Robert – und wenn Roberts Ehe geschieden wurde, steigt auch das Scheidungsrisiko von Paul und Anna. „Das ist kein Zufall. Es deutet darauf hin, dass Menschen mit ähnlichen Risikoprofilen für eine Scheidung einander finden.“

© MPIDR
Die Ähnlichkeit zwischen Ehepartner*innen in Bezug auf das Scheidungsrisiko ist so stark, dass sie nicht allein durch gemeinsame Kindheit, genetische Verwandtschaft oder soziale Umgebung erklärt werden kann. Stattdessen deutet die Forschung darauf hin, dass sich Menschen mit ähnlichen familiären Risikofaktoren – etwa aus einer Familie mit häufigen Trennungen – bewusst oder unbewusst zueinander hingezogen fühlen.
Die Wissenschaftler schätzen, dass die Scheidungsrate in Norwegen um etwa acht Prozent niedriger wäre, wenn Ehepartner*innen nicht so stark in ihren Risikoprofilen übereinstimmten. „Ein Großteil dessen, was wir als individuelles Risiko interpretieren, wird tatsächlich durch die Wahl des Partners beeinflusst“, erklärt Hans Fredrik Sunde vom Folkehelseinstituttet (Institut für Volksgesundheit). Gleichzeitig betonen die Wissenschaftler*innen, dass die Realität komplexer ist als ein solch hypothetisches Szenario.
Scheidung wird normalerweise als individuelles Ergebnis untersucht. Aber niemand lässt sich allein scheiden. „Klassische Ansätze, die Scheidung als rein individuelles Phänomen betrachten, übersehen, dass die Entscheidung für einen Partner das Eheergebnis entscheidend beeinflusst“, sagt Sunde. „Wenn wir verstehen wollen, warum Ehen scheitern, müssen wir die Beziehung zwischen den Partnern als Ganzes betrachten – nicht nur die einzelnen Individuen.“
Auffällig ist auch, dass familiäre Faktoren auf Seiten der Frau stärker zum Scheidungsrisiko des Paares beitragen als solche auf Seiten des Mannes. Dies deckt sich mit der Tatsache, dass Frauen in Norwegen deutlich häufiger die Scheidung einreichen. Am deutlichsten war jedoch der starke Zusammenhang der Risikofaktoren zwischen Ehepartner*innen: Ihre familiären Hintergründe sind eng miteinander verknüpft.
Die Studie ist Teil eines größeren Forschungsprogramms, das darauf abzielt, Paarphänomene systematisch zu erforschen. „Wenn etwas zwischen zwei Menschen geschieht – sei es eine Ehe, eine Schwangerschaft oder eine gemeinsame Krankheit – dann müssen wir es auch als Paarphänomen analysieren“, betont Dierker. „Andernfalls laufen wir Gefahr, die Ursachen falsch zu interpretieren. Die Realität ist komplexer, als wir bisher dachten.“
Die entwickelte Methode kann künftig auch für die Untersuchung anderer gemeinsamer Lebensereignisse genutzt werden, beispielsweise Fertilität, Gesundheitsverhalten oder soziale Integration. „In Zukunft sollte der Fokus der Forschung auch auf der Analyse von Paaren liegen, nicht nur von Individuen“, sagt Dierker.
Original Publikation
Sunde, H.F., P. Dierker (2026): "Are Spouses Similar in Divorce? Investigating Spousal Similarity in Couple-Shared Outcomes." Twin Research and Human Genetics. DOI: 10.1017/thg.2026.10050
Keywords
Auflösung einer Partnerschaft | Scheidung | Zwillinge | Verwandtschaft | Assortative Paarbildung