06. Februar 2026 | News | Neue Forschungsgruppe

Neue Max-Planck-Forschungsgruppe zum Thema „Medizinische Demografie“

Interview mit Marcus Ebeling, Leiter der neu gegründeten Forschungsgruppe

Seit mehr als fünf Jahrzehnten sind die Max-Planck-Forschungsgruppen ein wesentlicher Schwerpunkt der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft. Das Auswahlverfahren für die Positionen als Gruppenleitende ist streng. Marcus Ebeling, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR), hat das Verfahren im vergangenen Jahr erfolgreich durchlaufen. Er wird ab Juli die Forschungsgruppe „Medizinische Demografie“ leiten.

Nahaufnahme Mann Hand arrangieren Holzblock mit medizinischer Ikone im Gesundheitswesen auf Krankenhaushintergrund.

Die Forschungsgruppe „Medizinische Demografie“ wird untersuchen, wie sich die Häufigkeit von Krankheiten im Laufe des Lebens verändert und welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die Lebenserwartung, die Gesundheit der Bevölkerung, die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen sowie die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung haben. © iStockphoto.com / pcess609

Mann mit blondem Haar trägt gemustertes Hemd und steht vor moderner Glasfassade.

Marcus Ebeling leitet die neue Forschungsgruppe "Medizinische Demografie" am MPIDR. © MPIDR/Schulz

Im September 2024 bewarb sich Marcus Ebeling für die Max-Planck-Forschungsgruppe. Er zählt zu den erfolgreichen Kandidat*innen, denen die Gelegenheit gegeben wird, eine eigene Forschungsgruppe zu führen. Die Forschungsgruppe wird ab 1. Juli 2026 zum Thema „Medizinische Demografie“ forschen und am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock angesiedelt sein. Derzeit ist er auf der Suche nach Mitarbeiter*innen für sein Team.

Was ist das zentrale Forschungsthema deiner Gruppe?

Der medizinische Fortschritt ist zu einer der einflussreichsten Kräfte geworden, die die Bevölkerungsstruktur und -dynamik prägen. Bevölkerungen bestehen zunehmend aus Menschen mit komplexen gesundheitlichen Verläufen. Eine Erkrankung zu haben, bedeutet aber nicht mehr zwangsläufig, dass die betroffene Person dadurch eingeschränkt ist oder einen schlechten Gesundheitszustand hat. Die steigende Lebenserwartung und auch die zunehmende gesunde Lebenserwartung einerseits, und die zunehmende Häufigkeit von multimorbiden Patient*innen andererseits verdeutlichen das. Der Fokus meiner Forschungsgruppe wird auf den beabsichtigten und unbeabsichtigten demografischen Folgen dieser Prozesse liegen. Wir wollen die Veränderungen der Krankheitslast im Laufe des Lebens verstehen, um so die Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, die Inanspruchnahme von Gesundheitsfürsorge und die Resilienz von Bevölkerungen zu untersuchen.

Warum brauchen wir „Medizinische Demografie“?

Medizinische Demografie untersucht, welchen Einfluss die Veränderung der Krankheitslast im Laufe des Lebens auf die Bevölkerungsstruktur, -dynamik und -gesundheit hat. Der medizinische Fortschritt verändert diese Beziehungen sehr schnell. Dadurch gibt es viele neue Fragen und Herausforderungen, mit denen wir uns beschäftigen müssen: Wie hängen Auftreten und Auswirkungen von Krankheiten zusammen? Wie wirkt sich die Verbreitung des medizinischen Fortschritts und der Gesundheitsversorgung auf die Gesundheit der Bevölkerung aus? Die Demografie kann zu diesen Themen wichtige Erkenntnisse liefern. Um das volle Potenzial unserer Forschung auszuschöpfen, müssen wir aber unsere Perspektiven und Methoden überarbeiten und zusätzlich noch stärker mit Expert*innen aus verwandten Bereichen wie Medizin und Ethik zusammenarbeiten. Das ist für mich der Kern der medizinischen Demografie. Ihre Relevanz ist aber noch viel umfassender. Verbesserungen der Bevölkerungsgesundheit lassen sich ein bisschen mit dem Spiel Jenga vergleichen. Dort werden Holzblöcke von unten nach oben verschoben bis der Turm instabil wird und am Ende umfällt. Mit den Verbesserungen in der Bevölkerungsgesundheit bauen wir auch immer höher, wissen aber noch nicht, ob diese Verbesserungen auf wackligem Fundament stehen oder die Struktur stabil bleiben wird. In der Praxis werden viele Menschen mit chronischen Krankheiten medizinisch gut versorgt und sind dadurch oft nur wenig eingeschränkt, auch weil sie in einem risikoarmen Umfeld mit zuverlässigen Gesundheitssystemen leben. Wenn Gesellschaften jedoch mit externen Stressfaktoren wie Pandemien, Klimaextremen oder Engpässen im Gesundheitswesen konfrontiert sind, kann sich dies schnell ändern. Zu verstehen, wie medizinischer Fortschritt die Krankheitslast im Laufe des Lebens und damit womöglich die Widerstandsfähigkeit einer Bevölkerung verändert, ist daher von zentraler Bedeutung, auch um das Fundament unseres gesundheitlichen Fortschritts und die zukünftige Entwicklung besser zu verstehen. Die medizinische Demografie wird dabei eine zentrale Rolle spielen.

Auf welche Herausforderungen bei der Forschungen stellst Du Dich ein?

Es stehen immer mehr detaillierte Längsschnittdaten zum Gesundheitszustand, darunter Krankheitsdiagnosen, Biomarker und Behandlungshistorien, zur Verfügung. Wir haben so zwar viele großartige Möglichkeiten, doch das stellt unsere traditionellen demografischen Ansätze auch vor Herausforderungen. Um die medizinische Demografie voranzubringen, müssen diese Ansätze verbessert und neue entwickelt werden. Eine weitere Herausforderung kommt mit der demografischen Perspektive, die sich oft mit Fragen befasst, wie „Güter” wie Lebensjahre oder neue Behandlungsmethoden auf einzelne Menschen verteilt sind und welche Veränderung das für die Bevölkerung bringt. In diesem Zusammenhang gibt es viele interessante aber auch schwierige Fragen, die wir in Zukunft beantworten müssen: Wie werden medizinische Innovationen optimal verteilt? Oder, wo liegen die Grenzen des medizinischen Fortschritts und welche Rolle spielt Lebensqualität, insbesondere am Ende des Lebens? Eine weitere Herausforderung wird die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die schwierig sein kann. Ich habe diese Art des Arbeitens jedoch immer genossen und fand sie sehr bereichernd. Auf all diese Dinge freue ich mich.

Was ist das Hauptziel deiner Forschungsgruppe?

Unser Ziel ist es, den Bereich der medizinischen Demografie voranzubringen. Dazu bauen wir auf bestehenden Ansätzen auf und entwickeln neue konzeptionelle, methodische und empirische Grundlagen. Die Forschungsgruppe bietet eine einzigartige Gelegenheit, die eigenständige Identität der medizinischen Demografie weiterzuentwickeln und einen Ort zu schaffen, an dem Forschende dieses Fachgebiets miteinander in den Dialog treten und zusammenarbeiten können. Gleichzeitig werden wir daran arbeiten, Antworten auf die demografischen Konsequenzen des medizinischen Fortschritts zu finden.

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