02. September 2026 | News
Sorgen um die Umwelt – und trotzdem Eltern werden
Langzeitdaten aus Deutschland legen nahe, dass große Umweltsorgen Elternschaft im Allgemeinen weder verzögerten noch verhinderten. Zugleich nahmen solche Sorgen mit zunehmendem Alter bei Eltern und Menschen ohne Kinder tendenziell ab. Ob die jüngsten Generationen von heute, die mit dem Klimawandel als dauerhafter Realität aufwachsen, demselben Muster folgen werden, bleibt offen

Umweltsorgen stehen einer Familiengründung nicht unbedingt im Weg. © iStock / NewSaetiew
Jüngere Generationen wachsen damit auf, dass der Klimawandel immer wieder die Schlagzeilen bestimmt. Viele fragen sich auch deshalb, ob sie Kinder bekommen möchten, weil sie unsicher sind, was die Zukunft bringt. Die Sorge um die Umwelt ist kein neues Phänomen. Schon frühere Generationen wurden in einer Zeit erwachsen, in der Waldsterben und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die öffentliche Debatte prägten. Führten solche Sorgen letztlich dazu, dass Menschen weniger Kinder bekamen oder die Familiengründung aufschoben? Eine von Steffen Peters mitverfasste und in „Population and Environment" veröffentlichte Studie fand kaum Hinweise darauf, dass ausgeprägte Umweltsorgen in jungen Jahren generell damit zusammenhingen, ob oder wann Menschen in Deutschland Eltern wurden.
Umweltsorgen über Jahrzehnte verfolgt
„Die meisten Studien zum Zusammenhang zwischen klimabezogenen Sorgen und Fertilität betrachten relativ kurze Zeiträume. Wir haben diese Beziehung dagegen über einen langen Zeitraum untersucht und dafür Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) genutzt“, sagt Peters. Das SOEP befragt jedes Jahr rund 14.000 Haushalte und wird regelmäßig ergänzt, um Veränderungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung, etwa durch Migration, abzubilden. Für ihre Langzeitanalyse konzentrierten sich die Forschenden auf Personen, die zwischen Mitte der 1960er- und Anfang der 1980er-Jahre geboren wurden. Sie konnten diese spätestens ab dem 20. Lebensjahr bis weit ins Erwachsenenalter, teilweise bis zum Alter von 40 Jahren, beobachten. Sie verglichen Personen mit starken Umweltsorgen mit solchen, die sich weniger Sorgen machten. Seit 1984 fragt das SOEP die Teilnehmenden, ob sie sich um den Schutz der Umwelt „große Sorgen“, „einige Sorgen“ oder „keine Sorgen“ machen.
„Die Frage ist recht allgemein gehalten. Wir können nicht genau wissen, worüber sich die Befragten jeweils Sorgen gemacht haben. Die eine Person denkt vielleicht an die Luftqualität oder den Zustand der Grünflächen am eigenen Wohnort, eine andere an übergreifende Umweltprobleme“, gibt Peters zu bedenken. Da dieselben Personen die Frage jedoch über viele Jahre hinweg immer wieder beantworteten, konnten die Forschenden nachvollziehen, wie sich ihre Sorgen mit zunehmendem Alter veränderten, statt sich nur auf eine einmalige Momentaufnahme zu stützen.
Kaum Hinweise auf eine verzögerte oder ausbleibende Elternschaft
Die Ergebnisse wichen von den ursprünglichen Erwartungen der Forschenden ab. Personen, die im Alter zwischen 16 und 23 Jahren große Umweltsorgen angaben, wurden im Allgemeinen nicht seltener Eltern. Auch gab es kaum Hinweise darauf, dass solche Sorgen damit zusammenhingen, ob jemand früher oder später Kinder bekam. Hinzu kam ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis. „Wir hatten erwartet, dass Elternschaft die Sorge um die Umwelt verstärkt, weil Eltern dann stärker vor Augen haben könnten, welchen Umweltproblemen ihre Kinder künftig ausgesetzt sein werden. Unsere Analysen liefern jedoch kaum Hinweise darauf, dass Eltern besorgter sind als Menschen ohne Kinder“, fasst Peters zusammen. In beiden Gruppen nahmen die Umweltsorgen mit zunehmendem Alter tendenziell ab.
Werden die jungen Menschen von heute demselben Muster folgen?
Die nächste Frage lautet, wie sich die jungen Menschen heute entscheiden werden, wenn es um die Gründung einer Familie geht. Für sie gehört der Klimawandel viel stärker zum Alltag. Eine aktuelle Umfrage des Umweltbundesamtes ergab, dass 69 Prozent der 14- bis 22-Jährigen in Deutschland pessimistisch auf die Zukunft von Umwelt und Klima blicken. Noch ist es zu früh, um zu wissen, ob sich diese Haltung anders auf ihre Entscheidungen zur Familiengründung auswirken wird als bei früheren Generationen.
Obwohl die Studie insgesamt keinen Zusammenhang zwischen starken Umweltsorgen in jungen Jahren und späterer Elternschaft fand, stach eine ältere Generation hervor. Unter den vor 1970 Geborenen, die in einer Zeit zunehmenden Umweltbewusstseins in Deutschland ins Erwachsenenalter eintraten, wurden Menschen mit besonders ausgeprägten Umweltsorgen später Eltern. In späteren Generationen zeigte sich kein vergleichbarer Zusammenhang. Ob die jüngeren Generationen heute ein eigenes Muster entwickeln werden, bleibt abzuwarten.

Jeder Punkt zeigt die geschätzte Wahrscheinlichkeit, bis zum Alter von 40 Jahren Eltern geworden zu sein; die vertikalen Linien geben die statistische Unsicherheit dieser Schätzung an. Frauen waren bis zum Alter von 40 Jahren häufiger Eltern geworden als Männer. Bei beiden Geschlechtern machten starke Umweltsorgen in jungen Jahren jedoch keinen statistisch signifikanten Unterschied. © MPIDR
Originalpublikation
Peters, S.; Striessnig, E.; Trimarchi, A.; Testa, M.R.; Nitsche, N.:
Population and Environment 47:3, 1–29. (2025)
