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Neue Publikation | 18.07.2019

Geburten im Globalen Süden: Sie gehen nicht überall gleich zurück

© peeterv/iStockphoto.com

Wie entwickelten sich in Ländern des Globalen Südens die Geburtenraten in der Stadt und auf dem Land? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich erkennen lassen, diskutiert Mathias Lerch in seiner aktuellen Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin PLOS ONE.

„Auf dem Land dauert es meist etwas länger, vor allem in Sub-Sahara-Afrika“, sagt Mathias Lerch, stellvertretender Leiter des Arbeitsbereichs Fertilität und Wohlbefinden am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock. Er meint damit  sinkende Geburtenraten während des demografischen Übergangs.

Die Geburtenrate, die Fertilität, und die Sterberate, die Mortalität, in einer Bevölkerung verändern sich beständig. Die Theorie des demografischen Übergangs erkennt darin Gesetzmäßigkeiten und beschreibt einen Entwicklungsprozess. Wenn die Sterberate sinkt, weil die Bewohner eines Landes wegen Fortschritte in der Medizin länger leben, beginnt der demografische Übergang. Weil die Geburtenrate oft eine gewisse Zeit hoch bleibt, wächst die Bevölkerung rasant.

Sobald die Bevölkerung ihr Geburtenverhalten den neuen Gegebenheiten anpasst hat, werden weniger Kinder geboren, die Fertilität sinkt. Wenn die Einwohnerzahl nicht mehr weiter steigt, endet der demografische Übergang. In der westlichen Welt durchliefen die Staaten diese Entwicklung während der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert.

In den Ländern des Globalen Südens ging die Sterberate in den 1950er Jahren rasant zurück. Von Region zur Region dauerte es allerdings sehr unterschiedlich lange, bis die Zahl der Geburten sank. Der Prozess begann in Lateinamerika und Asien in den 1960er und 1970er Jahren, in Sub-Sahara-Afrika setzte er erst in den vergangenen 30 Jahren ein.

Echter Vergleich lässt Regelmäßigkeiten erkennen

Für 60 Länder des Globalen Südens, aufgeteilt in vier Regionen, hat sich Mathias Lerch nun angeschaut, wie genau die Geburtenrate sinkt. Dabei hat er das Verhältnis der Fertilität in Städten und auf dem Land über die Zeit betrachtet. Grundlage dafür sind Daten aus den „World Fertility Surveys (WFS)“ und den „Demographic and Health Surveys (DHS)“ sowie öffentlich zugängliche Stichproben aus Volkszählungsdaten (IPUMS). Das Besondere: Lerch vergleicht die Daten der einzelnen Länder nicht in historisch identischen Zeiträumen, sondern in, sich entsprechenden Phasen des demografischen Übergangs. „So vergleichen wir nicht Äpfel mit Birnen und können Regelmäßigkeiten besser erkennen“, sagt Lerch.

Dabei stellte Lerch fest, dass die Verläufe in den Ländern Nordafrikas, des Mittleren Ostens und Lateinamerikas ähnlich sind: Zuerst sinkt die Zahl der Geburten in den Städten, nach etwas mehr als zehn Jahren beginnt der gleiche Prozess auch in den ländlichen Regionen.

Nur auf dem Land in Sub-Sahara-Afrika entwickelt sich die Fertilität anders. Hier dauert es mit ungefähr 20 Jahren durchweg länger, bis der Trend zu weniger Kindern aus den Städten übernommen wird. Ist der Prozess im Gange, sinkt die Geburtenrate zudem langsamer als in den Städten Sub-Sahara-Afrikas oder anderen ländlichen Regionen der Welt.

Bessere Prognosen, dank genauerer Geburtenzahlen

Auch asiatische Länder weichen von den üblichen Regelmäßigkeiten ab. So ging die Fertilität in den Städten und auf dem Land in Asien fast gleichzeitig und mit gleicher Geschwindigkeit zurück. Das ermöglichte den schnellsten demografischen Übergang weltweit.

Gründe dafür kann Lerch in der aktuellen Veröffentlichung nicht benennen. Trotzdem macht er deutlich: „Wenn wir die Unterschiede zwischen Fertilität in Städten und auf dem Land genauer kennen, sind auch bessere Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung möglich.“ Dies sei wichtig, denn die entscheidenden Populationsveränderungen des 21. Jahrhunderts würden sich fast ausschließlich in den Städten des Globalen Südens abspielen.

Originalpublikation

Lerch, M.: Regional variations in the rural-urban fertility gradient in the Global South. PLOS ONE (2019) DOI: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0219624

Kontakt

Telefon +49 (0)381 2081-179
Stellvertretender Leiter - Fertility and Well-Being lab

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