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Supercentenarians | 21.02.2015

Jeanne Calment – ein Rätsel der Langlebigkeit

Vor 140 Jahren, am 21. Februar 1875, wurde Jeanne Calment in der südfranzösischen Stadt Arles geboren. 1997, im stolzen Alter von 122 Jahren, verstarb sie. Damit hält die Französin den Rekord des höchsten bisher erreichten Lebensalters. Wie sie überhaupt so alt werden konnte, das ist für die Forscher ein Rätsel.

Als Jeanne Calment am 21. Februar 1875 in der französischen Kleinstadt Arles das Licht der Welt erblickte, war der ewige Herrscher Napoléon Bonaparte gerade erst seit fünf Jahren des Amtes enthoben und die Dritte Französische Republik noch ganz jung. In Deutschland regierte Bismarck und bis Carl Benzs erstes Auto mit Verbrennungsmotor über Mannheims Straßen zuckelte, musste Jeanne Calment 11 Jahre alt werden.

Mit ihrem stattlichen Alter von 122 Jahren und 164 Tagen ist sie der Mensch, der bisher die längste Zeit auf Erden verbracht hat - und zwar mit Abstand. Sie lebte drei Jahre länger als die Nächstälteste, die US-Amerikanerin Sarah Knauss und fünf Jahre länger als die drittplatzierte, Lucy Hannah, die ebenfalls aus den USA stammt.

Supercentenarians nennen Wissenschaftler Menschen, die wie Jeanne Calment 110 und älter sind. Die Wissenschaft um die Methusalems ist noch relativ jung und der Kreis der Forscher, die sich mit ihnen beschäftigen klein. Der Grund: Es gibt von diesen Uralten noch nicht so viele. Doch das ändert sich im Eiltempo. Da die Lebenserwartung immer weiter steigt, steigt auch die Zahl derjenigen die deutlich mehr als ein Jahrhundert gelebt haben. Vor 50 Jahren noch war die 100 ein biblisches Alter. Heute sind es die 110-Jährigen und die 115-Jährigen, die uns das Extrem der Langlebigkeit aufzeigen.

Fragen, die die Wissenschaftler umtreiben, sind zum Beispiel: Gibt es genetische Gründe oder ist der Lebenswandel ursächlich dafür, ob jemand ganz alt wird? Gibt es Länder oder Regionen, in denen besonders lange gelebt wird? Wie sieht die Sterblichkeit im hohen Alter aus – steigt sie linear an oder exponentiell? Denn überraschenderweise deuten erste Auswertungen darauf hin, dass die Sterblichkeit im höchsten Alter nicht weiter zunimmt, sondern vielmehr ein Plateau erreicht, das bei einem Sterberisiko von 50 Prozent pro Jahr liegt.

Um diese Fragen zu beantworten, müssen die Forscher aber erst einmal viel Fleißarbeit machen. Sie müssen nämlich herausfinden, welche Supercentenarians wirklich welche sind. Und das ist nicht immer trivial. Eine Voraussetzung hierfür ist nämlich, dass es zum Zeitpunkt der Geburt, auch schon amtliche Dokumentation gab, in denen Geburten erfasst wurden und diese Unterlagen das Jahrhundert auch überstanden haben.  „In den meisten Ländern der Welt gibt es diese Dokumente überhaupt nicht. Und in den Ländern in denen es sie gibt, muss man sich Tricks und Kniffe überlegen, wie man an die Daten kommt“, sagt Heiner Maier, ein Supercentenarians-Forscher am MPIDR.

Er und rund 35 weitere Kollegen aus 15 Ländern haben sich zusammengetan, um die Daten zu den Superalten zu sammeln und zu validieren. In jedem Land müssen sie mit anderen Datensätzen arbeiten und vertrauenswürdig sind die nicht immer. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass gerade die großen behördlich erhobenen Datensätze in den obersten Altersklassen extrem fehleranfällig sind“, erklärt Heiner Maier. So nutzten die Forscher in den USA zum Beispiel die Daten der staatlichen Rentenversicherung. Beim Abgleich der Daten mit dem zentralen Sterberegister stellten sie aber große Unterschiede fest. „Es kommt immer wieder vor, dass Daten von verstorbenen Personen irrtümlich in behördlichen Statistiken verbleiben.  Solche Fehler fallen oftmals erst dann auf, wenn für die Person ein absurd hohes Alter ausgewiesen wird“, so MPIDR-Forscher Heiner Maier.

In Deutschland haben die Forscher den ersten Datensatz vom Bundespräsidialamt bekommen. Denn in Deutschland sind die Kommunen angehalten, dem Bundespräsidenten ihre hochaltrigen Geburtstagskinder mitzuteilen, damit das Staatsoberhaupt Glückwünsche verschicken kann. Als sich die Forscher 2005 auf die Suche begaben, bekamen sie 1400 Namen vom Bundespräsidialamt genannt. Diese Namen musste sie dann einzeln in den Meldeämtern überprüfen. Rund 950 Namen von Menschen blieben übrig, von denen sie sicher sagen konnten, dass sie zu dem Zeitpunkt 105 Jahre und älter waren, darunter auch 17 Supercentenarians.

Richtig spannend wird es aber erst dieser Tage: „Weil die Lebenserwartung so rasant steigt, bin ich mir sicher, dass wir heute noch viel mehr Supercentenarians unter uns haben, als noch vor zehn Jahren“, sagt Heiner Maier. „Man müsste genau jetzt weiterforschen.”

Denn mit noch größeren Datensätzen könnten sich die Forscher an die Beantwortung einiger ihrer Fragen machen. Zum Beispiel könnten sie untersuchen, wie sich die Mortalität im Laufe des Lebens verändert und ob es so etwas wie Hotspots der Langlebigkeit gibt, also Orte, an denen die Menschen besonders alt werden.

Welche Lebensweise dazu führt, dass man besonders alt wird, diese Frage können die Forscher nicht beantworten, da es keinerlei Zusammenhang zwischen ihren Daten und Gesundheitsdaten der einzelnen Personen gibt. „Das ist aus wissenschaftlicher Sicht bedauernswert, aus Datenschutzgründen aber zu begrüßen“, sagt Heiner Maier.

Ein paar Anhaltspunkte, was hilfreich sein könnte, um lange zu leben, findet man in einem Buch, dass das Forscherkonsortium herausgegeben hat. Rund zwanzig über 115-Jährige hatten die Forscher weltweit besucht und sie und ihre Angehörigen zu ihrer Lebensweise, Charaktereigenschaften und Gesundheitszustand befragt. Gemein hatten die Methusalems, dass sie in der Regel wenig oder gar nicht rauchten, nicht übergewichtig waren und wenige Kinder bekommen hatten. Außerdem wurden sie häufig von ihren Angehörigen als starke Persönlichkeiten mit einem großen Lebenswillen beschrieben.

Nur Jeanne Calment fällt raus. Fast ihr ganzes Leben hat sie geraucht, nämlich bis zu ihrem 119 Geburtstag. Aber vor allem ihr hohes Alter lässt die Forscher nach wie vor Grübeln. Seit 25 Jahren hält sie den Rekord, der älteste Mensch der Welt zu sein. Madame Calment lebte drei Jahre länger als die Zweitälteste und fünf Jahre länger als die Drittälteste. Zahlenausreißer gibt es in der Statistik immer. Aber dieser große Unterschied lässt sich statistisch kaum erklären. „Wie es zu so einem großen Unterschied kommen kann, dafür haben wir bisher noch keine Erklärung“, fasst Heiner Maier zusammen.

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