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Publikation | 24.07.2019

Zensus: Die 1,5-Millionen-Lücke

© Vapi / photocase.com

Der Zensus aus dem Jahr 2011 hat eine erhebliche Lücke in die Bevölkerungszahlen Deutschlands gerissen. Seit den vorangegangenen Zensen in den 1980er Jahren müssen sich also zahlreiche Fehler in die amtliche Statistik eingeschlichen haben. Wie sich dennoch auch für die Zeit zwischen den Volkszählungen plausible Bevölkerungszahlen ermitteln lassen, zeigt eine Studie – mit relevanten Folgen auch für die Entwicklung der Lebenserwartung.

(Der folgende Text basiert auf der Publikation Adjusting Inter-censal Population Estimates for Germany 1987-2011: Approaches and Impact on Demographic Indicators der MPIDR-Forscher Pavel Grigoriev and Dmitri A. Jdanov und wurde auch schon in der Ausgabe 01/2019 der Demografischen Forschung aus Erster Hand veröffentlicht.)

Statt weit über 81 Millionen hatte Deutschland plötzlich nur noch gut 80 Millionen Bewohner. 1,5 Millionen Bürger waren mit dem Zensus 2011 verschwunden – zumindest aus der Statistik. Zwar erfuhr die Bevölkerungszählung im Nachgang teilweise berechtigte Kritik, doch ein Großteil der „verschwundenen Bürger“ dürfte tatsächlich nur Karteileichen gewesen sein, die zwar auf dem Papier, nie jedoch in der Realität existierten. Denn gerade bei der Migration kommt es oft zu Fehlern bei der Erfassung von Zu- und Fortzügen. So werden etwa Migranten doppelt erfasst, weil ihre Namen unterschiedlich geschrieben werden, oder Menschen ziehen fort, ohne sich abzumelden. Gerade durch die recht chaotischen Verhältnisse während der deutschen Wiedervereinigung wird es zu zahlreichen Fehlern in der Statistik gekommen sein, schreiben Pavel Grigoriev, Rembrandt D. Scholz und Dmitri A. Jdanov vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock sowie Sebastian Klüsener vom Wiesbadener Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in ihrer Studie.

 

Abb. 1: Das Basis-Verfahren, welches häufig in weniger komplexen Fällen angewandt wird, liefert für Deutschland keine plausiblen Ergebnisse. Alle anderen Berechnungsmethoden für die Bevölkerungsentwicklung zwischen 1987 und 2011 produzieren recht ähnliche Ergebnisse und liegen vor allem ab 1995 deutlich unter den offiziellen Zahlen.

© Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen

Der Zensus 2011 brachte diese Fehler zutage. Bei den über 90-jährigen Männern in Westdeutschland kam es etwa zu Abweichungen von über 35 Prozent. Auch in der Altersgruppe der 20- bis 50-Jährigen – und hier vor allem bei den Männern – lagen die alten Zahlen bis zu fünf Prozent über den neu ermittelten.

Der Zensus 2011 wurde zum ersten Mal nach einem so genannten registergestützten Verfahren durchgeführt, das auf den Daten der Melderegister basiert und diese stichprobenartig verifiziert. Doch mit der neuen amtlichen Zahl von 80,2 Millionen Bürgern in Deutschland stellt sich natürlich auch die Frage, wie man die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung in der langen Periode zwischen den Volkszählungen nachträglich korrigieren sollte. Denn nicht nur die alten Zahlen für das Jahr 2011 werden falsch gewesen sein. Immerhin wurde der letzte Zensus in Westdeutschland im Jahr 1987 und in Ostdeutschland gar im Jahr 1981 durchgeführt – in der Zwischenzeit müssen sich die Fehler in den Statistiken aufsummiert haben.

Die Demografen stellen in ihrer Studie daher vier verschiedene Verfahren vor, nach denen die amtlichen Bevölkerungszahlen nachträglich auch für die Jahre zwischen den Volkszählungen angepasst werden können. Sie wählten für ihre Berechnungen einen für Ost- und Westdeutschland einheitlichen Zeitraum von 1987 bis 2011.

Das erste recht einfache „Basis-Verfahren“ klammert die Migration komplett aus. Es geht davon aus, dass sich die Fehler gleichmäßig über die Zeit aufsummiert haben, wobei es keine plausiblen Ergebnisse liefert (s. Abb. 1). Dies ist nicht überraschend, da es vor allem Wanderungsbewegungen waren, die in dem untersuchten Zeitraum stark schwankten und Fehler verursachten. Sie waren insbesondere um die Zeit der Wiedervereinigung sehr hoch. Die anderen drei Verfahren liegen in ihren Ergebnissen sehr dicht beieinander. Bei zwei dieser Verfahren wird die Schwankung in den Wanderungsintensitäten über die Zeit in verschiedener Form berücksich­tigt. Das letzte Verfahren kontrolliert dagegen nur für Änderungen in der Größe einer beobachteten Geburtskohorte über die Zeit. Dies basiert auf der Annahme, dass die verzeichneten Fehlbuchungen pro Jahr abhängig von der Anzahl der Personen in einer Kohorte in dem jeweiligen Jahr sind. Wenn beispielsweise die Anpassungsperiode aus zwei Jahren bestehen würde, und eine Kohorte hätte im ersten Jahr 2.000 und im zweiten Jahr 1.000 Personen, während der ermittelte Fehler 300 Personen beträgt, dann würde angenommen, dass 200 Fehleinträge im ersten Jahr entstanden und 100 Fehleinträge im zweiten Jahr. Dieses Verfahren lieferte ähnliche Ergebnisse wie die ungleich komplizierteren Verfahren auf Basis von Wanderungsdaten. Daher entschieden sich die Autoren schließlich für diese Methode. Die so ermittelten angepassten Bevölkerungszahlen wurden auch für die Neuberechnung der Lebenserwartung herangezogen.

 

Abb. 2: Vor allem am Ende des Untersuchungszeitraums war die Lebenserwartung in Deutschland wohl deutlich geringer als bisher angenommen. Die Berechnungen vom Statistischen Bundesamt, der Weltgesundheitsorganisation, Eurostat und der Human Mortality Database (vor Zensusanpassung) liefern Werte, die allesamt höher liegen als die durchschnittliche Lebenserwartung, die nun auf Basis der neu ermittelten Bevölkerungsdaten berechnet wurde.

© Quelle: Statistisches Bundesamt, WHO, HMD, Eurostat, eigene Berechnungen

Tatsächlich zeigt die Neuberechnung durch die vier Demografen: die Lebenserwartung der Männer lag am Ende der Anpassungsperiode bis zu sieben Monate, die der Frauen bis zu fünf Monate niedriger als bei Berechnungen, welche auf den nicht korrigierten ursprünglich veröffentlichten Zahlen beruhen (s. Abb. 2).

Mitautor der wissenschaftlichen Studie: Pavel Grigoriev

Wissenschaftlicher Artikel: Klüsener, S., Grigoriev, P., Scholz, R. D., Jdanov, D. A.: Adjusting inter-censal population estimates for Germany 1987-2011: approaches and impact on demographic indicators. Comparative Population Studies, 43, 31-64 (2018). DOI: DOI:10.12765/CPoS-2018-05en

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