11. Mai 2022 | News | Interview

„Keine einzelne Kennzahl liefert ein vollständiges Bild“

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Jiaxin Shi, Doktorand in der Forschungsgruppe: Ungleichheiten im Sterbealter und Kolleg*innen schlagen vor, den Stratifikationsindex zu verwenden, um Sterblichkeitsunterschiede zwischen Gruppen zu analysieren. Im Interview erklärt er, warum diese Metrik eine neue Perspektive eröffnet und was er bei der Anwendung auf finnische Registerdaten herausgefunden hat.

Herr Shi, traditionell konzentrieren sich Forschende, die Mortalitätsunterschiede zwischen Gruppen untersuchen, auf Kennzahlen, die Durchschnittswerte angeben, wie die Lebenserwartung oder standardisierte Sterberaten. Sie schlagen eine andere Metrik vor. Warum?

Genau, meistens vergleichen Sozialwissenschaftler*innen Durchschnittswerte. Die Lebenserwartung ist der Durchschnitt einer Lebensspannenverteilung. Aber die Lebenserwartung erzählt nicht die ganze Geschichte. Ein gutes Beispiel ist die Variabilität der Lebenserwartung. Sie zeigt die Streuung einer Lebensspannenverteilung. Es gibt noch andere statistische Dimensionen, wie Median, Modus, oder Schiefe, die ergänzende Perspektiven bieten.

Was genau zeigt der Stratifikationsindex?

In einer Grafik dargestellt, zeigt der Stratifikationsindex den Anteil der sich nicht überschneidenden Bereiche in zwei Lebensspannenverteilungen. Wenn dieser Anteil groß ist, unterscheiden sich beide Verteilungen stark voneinander. In der Statistik beziffern der Stratifikationsindex und andere verwandte Kennzahlen den statistischen Abstand oder die Unähnlichkeit von Verteilungen. Kennzahlen wie die Lebenserwartung oder standardisierte Sterberaten können auch Sterblichkeitsunterschiede zwischen Gruppen vergleichen. Sie konzentrieren sich aber auf den Durchschnitt und nicht auf Verteilungsunterschiede.

Welche Vorteile hat der Stratifikationsindex für Sie?

Ein Vorteil besteht darin, dass er unser Verständnis darüber erweitert, wie sich die Sterblichkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen unterscheidet. Er bietet eine alternative Perspektive auf Unterschiede in der Sterblichkeit. Wie wir in unserer Studie zeigen, kann die Stratifikation der Lebenserwartung zunehmen, selbst wenn die Unterschiede in der Lebenserwartung geringer werden. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Damit werden neue Dimensionen von Ungleichheiten aufgedeckt, denen wir bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Ein weiterer Vorteil ist, dass der Index das soziologische Konzept von sozialer Schichtung widerspiegelt. Wie Schichten in Gestein so kann auch eine Gesellschaft durch soziale Merkmale wie Klasse, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit hierarchisch geschichtet sein. Unser Index kann dieses soziologische Konzept bemessen.

... und welche Nachteile sehen Sie?

Ein Nachteil ist sicherlich, dass es sich um ein relatives Maß handelt. Der Index sagt nicht aus, wie groß die Lücke bei Sterblichkeitsunterschieden tatsächlich ist.

Sie haben den Index für finnische Registerdaten berechnet. Was haben Sie herausgefunden?

Das wichtigste Ergebnis ist, dass die Stratifikation der Lebenserwartung zwischen Personen mit niedrigem und hohem Einkommen zwischen 1996 und 2017 insgesamt zugenommen hat. Bei Männern war in den vergangenen Jahren ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zur sich seit zehn Jahren stetig verringernden Lücke der Lebenserwartung zwischen Personen mit niedrigem und hohem Einkommen.

Was bedeutet dieses Ergebnis für die finnische Gesellschaft?

Die wachsende Stratifikation der Lebenserwartung nach Einkommen bedeutet, dass arme und reiche Menschen zunehmend unterschiedliche Sterblichkeitsmuster erleben. Dies gilt nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch für die Menschen im Umfeld: Freunde und Verwandte. So kann es sein, dass viele Personen aus einem sozialen Netz frühzeitig versterben, was die Gesundheit der länger Lebenden herausfordert, denn Sozialkontakte sind wichtig für eine gute Gesundheit. Wie jede andere Art von sozialer Schichtung - unabhängig von den Ursachen - kann eine starke Stratifikation der Lebenserwartung zu individuellem emotionalem Stress bis hin zu gesamtgesellschaftlicher Unzufriedenheit führen. Daher erfordert die wachsende Stratifikation politische Maßnahmen um Ungleichheiten bei der Gesundheit zu verringern.

Welche Art von Daten braucht man, um den Stratifikationsindex zu berechnen?

Der Index kann nicht nur auf die Lebenserwartung, sondern auch auf andere Bereiche angewendet werden, etwa auf die Lebenserwartung mit guter Gesundheit oder auf den Vergleich zwischen Bildung, Geschlecht oder Ländern. Um den Index zu berechnen, braucht man nur die jeweilige Verteilung für jede Gruppe. Daten auf individueller Ebene sind nicht nötig.

Was schließen Sie aus Ihren Ergebnissen?

Keine einzelne Kennzahl liefert ein vollständiges Bild. Die beste Lösung für Forschende im Bereich der Sterblichkeit besteht darin, eine Reihe von Kennzahlen in ihre Analysen miteinzubeziehen. So können sie untersuchen, wie sich die Ungleichheiten in der Sterblichkeit im Laufe der Zeit entwickeln, um umfassend und zeitnah Informationen zu erhalten.

Originalpublikation

Shi, J., Aburto, J. M., Martikainen, P., Tarkiainen, L., van Raalte, A. A.: A distributional approach to measuring lifespan stratification. Population Studies (2022). DOI: 10.1080/00324728.2022.2057576

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