20. März 2020 | News | Interview

Coronavirus: Das wollen MPIDR Forscher*innen mit ihrer Umfrage herausfinden

Auch die Wissenschaftler*innen treffen sich in Zeiten von Corona digital zur Besprechung. © MPIDR

Daniela Perrotta, André Grow und ein interdisziplinäres Wissenschaftler*innenteam am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) wollen das Gesundheitsverhalten während der Coronavirus-Pandemie analysieren. Deshalb führen sie derzeit eine Umfrage auf Facebook durch. Im Interview erklären Daniela Perrotta und André Grow was sie und ihr Team herausfinden wollen.

Frau Perrotta, Herr Grow, warum machen Sie eine Umfrage zum Gesundheitsverhalten während der Coronavirus-Pandemie?

Die weltweite Ausbreitung des neuartigen Coronavirus hat unser Alltagsleben schnell und ohne Vorwarnung verändert. Wir gehen nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule, teffen unsere Freunde nicht mehr; kurz: öffentliches Leben findet nicht mehr statt. Das hat auch die Art verändert, wie wir Pläne für die Zukunft machen. In den vergangenen Tagen und Wochen haben wir erlebt, wie unterschiedlich sich nationale und kommunale Regierungen auf die Notlage einstellen: Schulschließungen, Arbeiten von zu Hause und die Absage von öffentlichen Versammlungen werden Schritt für Schritt umgesetzt. Ziel ist es, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen.

Was ist für Sie als Forscher*innen besonders interessant?

Unser Wissen über die Reaktionen Einzelner auf eine Epidemie ist nach wie vor recht begrenzt. Deshalb wollen wir Antworten auf Fragen wie etwa: Wie hoch schätzen Menschen die Bedrohungslage ein? Wie wirkt sich dies auf ihr Verhalten aus, ergreifen sie Vorsorgemaßnahmen? Oder: Wie zuversichtlich sind sie, dass ihre Regierung effektiv handelt? Mit unseren Umfrageergebnissen, wollen wir verstehen, inwieweit Menschen verschiedener soziodemografischer Gruppen unterschiedlich auf die Coronavirus-Epidemie reagieren und ob sie unterschiedlich davon betroffen sind. Wir untersuchen auch, wie sich die Einschränkungen, sich mit anderen Menschen zu treffen oder zu reisen, auf die Epidemie selbst auswirken.

In welchen Ländern führen Sie die Umfrage durch?

Wir benutzen die Facebook-Werbeplattform um Facebook-Nutzer*innen in mehreren Ländern für die Umfrage zu gewinnen. Im Moment läuft die Umfrage in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Wir planen, bald weitere Länder hinzuzufügen. So wollen wir schnell viele Umfrageteilnehmer*innen in mehreren Ländern erreichen, um so Veränderungen über Zeit und Raum hinweg auszuwerten. Wir sind uns bewusst, dass Menschen Facebook von Land zu Land unterschiedlich benutzen, und auch, dass die Facebook-Nutzer*innen nicht unbedingt repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind. Deshalb passen wir in unserer Auswertung die Modelle der richtigen Bevölkerungszusammensetzung an.

Was ist ihr Ziel bei der Auswertung der Daten?

Wir hoffen, dass unsere Arbeit dazu beiträgt, die aktuelle Pandemie zu verstehen. So verbessern wir die Möglichkeiten, damit Entscheidungsträger zukünftig bei ähnlichen Krankheitsausbrüchen gut reagieren.

Wie wollen Sie das erreichen?

Unsere Umfrage befasst sich mit verschiedenen Aspekten der Pandemie und der Reaktion der Menschen auf sie. So messen wir etwa, wie die Bevölkerung die vorgeschlagenen Präventivmaßnahmen der Gesundheitsbehörden sowie die Kontrollmaßnahmen der jeweiligen Regierungen aufnimmt. Das lässt Rückschlüsse darauf zu, in wie weit Menschen bereit sind ihr Verhalten zu ändern und so die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen.

Da es sich um einen neuen Coronavirusstamm handelt, der bisher noch nicht beim Menschen aufgetreten ist, nehmen wir ihn möglicherweise anders wahr. Wie messen sie diese Unterschiede?

Wir untersuchen, wie die Menschen den Schweregrad des Coronavirus im Vergleich zur Grippe wahrnehmen und wie sich ihre Reaktionen in den verschiedenen soziodemografischen Gruppen unterscheiden. Influenza ist eine bekannte Infektionskrankheit, die Menschen sind es deshalb gewohnt, jedes Jahr im Winter davon zu hören. Das könnte einen starken Einfluss auf die Meinung und das Verhalten der Menschen haben.

Demograf*innen sind in der Regel an sozialem Verhalten der Bevölkerung interessiert. Analysieren sie die Reaktion der Menschen auf die plötzliche Veränderung ihres Alltagslebens?

Auf jeden Fall. Deshalb sammeln wir auch Daten über soziale Kontakte. Das heißt, wir erfassen die Anzahl der Interaktionen, die die Teilnehmer in den vergangenen Tagen in verschiedenen Kontexten, wie etwa zu Hause, in der Schule oder bei der Arbeit, hatten. Eine Veränderung dieser Zahlen ist ein zusätzlicher Hinweis auf den Grad der Besorgnis in der Bevölkerung. Das ist eine Möglichkeit zu messen, ob Menschen sich sozial distanzieren und zentrale Empfehlungen einhalten, die die Regierungen zur Eindämmung der Pandemie abgeben.

Zu Ihrem Team gehören Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen. Warum ist dies für Ihre Forschung entscheidend?

Einerseits besteht unser Team aus Forscher*innen mit Erfahrung in der Modellierung von Infektionskrankheiten. Sie können eine Studie entwerfen, die das Verhalten und die Einstellung der Menschen erfassen, das zur Verbreitung des Coronavirus beiträgt. Andererseits besteht unser Team aus Forscher*innen mit dem notwendigen Fachwissen, um Facebook und seine Werbemöglichkeiten zu nutzen, um Teilnehmer für unsere Studie zu rekrutieren.

Wer macht die Umfrage?

Projektleiter*innen

Daniela Perrotta and André Grow

Projektteam

Jorge Cimentada

Emanuele Del Fava

Sofia Gil Clavel

Francesco Rampazzo

Emilio Zagheni

Über das MPIDR

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock untersucht die Struktur und Dynamik von Populationen. Die Wissenschaftler*innen des Instituts erforschen politikrelevante Themen wie den demografischen Wandel, Altern, Geburtendynamik und die Verteilung der Arbeitszeit über die Lebensspanne, genauso wie den digitalen Wandel und die Nutzbarmachung neuer Datenquellen für die Erforschung von Migrationsströmen. Das MPIDR ist eine der größten demografischen Forschungseinrichtungen in Europa und zählt international zu den Spitzeninstituten in dieser Disziplin. Es gehört der Max-Planck-Gesellschaft an, der weltweit renommierten deutschen Forschungsgemeinschaft.

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Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist eines der international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.