10. November 2021 | News | Interview

Nutzen Migrant*innen über 50 soziale Medien, um Freundschaften zu pflegen?

© Sofia Gil-Clavel

Sofia Gil-Clavel, Doktorandin am Arbeitsbereich Digitale und computergestützte Demografie am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR), hat Umfragedaten und Facebook-Daten verglichen, um den Zusammenhang zwischen demografischen Eigenschaften von über 50-Jährigen und der Wahrscheinlichkeit zu untersuchen, offline und online enge Freunde zu haben.

Frau Gil-Clavel, nutzen generell alle Menschen über 50 soziale Medien, um enge Freundschaften zu pflegen?

Nicht unbedingt. Wir haben herausgefunden, dass ältere Migrant*innen mögliche fehlende persönliche Freundschaften durch digitale Beziehungen kompensieren können. Das liegt daran, dass Migrant*innen, die das Internet nutzen, im Durchschnitt weniger enge Freunde haben, die sie offline treffen können. Migrant*innen, die Facebook nutzen, haben dagegen eher enge Freunde online. Dies könnte die Folge eines Selektionseffektes sein: Migrant*innen, die offline weniger Freunde haben, nutzen mit größerer Wahrscheinlichkeit soziale Medien, um digitale Freundschaften aufzubauen oder zu pflegen.

Warum interessieren Sie sich für die Freundschaften von Menschen über 50?

Wir interessieren uns für dieses Thema, weil Erwachsene in der zweiten Hälfte ihres Lebens eine wichtige demografische Gruppe sind, die potenziell vom Zugang zu digitalen Technologien profitieren könnte. Digitale Technik kann diese Gruppe von Menschen auch dabei unterstützen, mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben, unabhängig von der geografischen Entfernung. Das bedeutet auch, dass digitale Technik älteren Menschen Zugang zu sozialem Kapital ermöglicht. Das kann positive Effekte etwa auf  die psychische Gesundheit und Lebenszufriedenheit haben.

Sie haben Umfragedaten und Daten von Facebook verglichen, um Ihre Forschungsfrage zu beantworten. Warum?

Wir haben Daten aus beiden Quellen für eine quantitative Studie genutzt. Wir haben den Zusammenhang zwischen demografischen Merkmalen wie Geschlecht, Alter und Bildungsniveau und der Wahrscheinlichkeit, offline und online Freundschaften zu pflegen, untersucht. Wir wollten verstehen, wie sich Gruppen von Menschen, zusammensetzen, die enge Freunde haben, und das Internet oder soziale Medien nutzen oder nicht.

Wie haben Sie diese beiden Datensätze miteinander verglichen?

Wir haben uns eine statistische Eigenschaft zunutze gemacht, die von anderen Forschenden, die aggregierte Facebook-Daten nutzen, bisher ignoriert wurde: Für die logistische Regression sind die geschätzten Parameter und Standardabweichungen gleich, unabhängig davon, ob man Ergebnisse auf individueller Ebene verwendet oder ob man diese Ergebnisse aggregiert und in Kategorien einteilt. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, dass wir statistische Standardmodelle verwenden können, um die Tendenzen verschiedener Gruppen zu bewerten, auch wenn wir keine Daten auf individueller Ebene, sondern nur aggregierte Daten von Facebook haben. So können wir auch Daten von Facebook und von der Längsschnittstudie SHARE (Survey of Health, Aging and Retirement in Europe) vergleichen, die für die Bevölkerung über 50 in Europa repräsentativ ist.

Was sind die Vor- und Nachteile der einzelnen Datensätze?

Der Vorteil von SHARE ist, dass es sich um eine repräsentative Stichprobe der über 50-Jährigen in Europa handelt. Sie enthält aber keine Informationen über die Nutzung sozialer Medien, sondern nur über die Internetnutzung. Facebook ist keine für die Gesamtbevölkerung repräsentative Quelle, aber die Daten über die Nutzung der Plattform sind über demografische Gruppen hinweg mit einer feinen geografischen und zeitlichen Granularität verfügbar. Durch den Vergleich von Facebook- und SHARE-Daten haben wir das Beste aus beiden Datensätzen zusammengeführt und genutzt.

Welche Forschungsfragen sind in diesem Feld in Zukunft relevant?

Emilio Zagheni, Valeria Bordone und ich erwarten, dass die Möglichkeiten Daten aus Umfragen und sozialen Medien zu kombinieren in Zukunft weiterentwickelt wird. Dies kann auf mindestens drei Arten geschehen. Erstens können Forschende weiterhin Umfragedaten und passiv über soziale Medien gesammelte Informationen kombinieren, um die Zuverlässigkeit verschiedener Arten von auf sozialen Medien basierenden Angaben soziodemografischer Merkmale zu bewerten. Zweitens enthalten immer mehr repräsentative Umfragen Fragen zum Zugang zu und zur Nutzung von digitalen Plattformen. Diese Erhebungen können ein neues Licht auf das Online-Verhalten werfen. Drittens können soziale Medien als Instrument für die Datenerhebung und die Rekrutierung von Umfrageteilnehmenden genutzt werden. Zudem ist derzeit die Entwicklung von Ansätzen, die Verzerrungen in den Daten ausgleichen, um ein Bild der Gesamtbevölkerung (nicht nur derjenigen, die die Plattform nutzen) zu erhalten, ein wichtiger aktiver Forschungsbereich.

Originalpublikation

Gil-Clavel, S., Zagheni, E., Bordone, V.: Close Social Networks Among Older Adults: The Online and Offline Perspectives. Popul Res Policy Rev (2021). DOI: 10.1007/s11113-021-09682-3

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MPIDR-Autor*innen der Studie

Gastwissenschaftlerin

Beatriz Sofía Gil Clavel

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Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist eines der international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.