23. April 2020 | Pressemitteilung

Das Geschlechter-Kliff: Warum Frauen in einer Partnerschaft selten mehr verdienen als die Männer

Männer tragen in der Regel noch immer den größeren Anteil zum Haushaltseinkommen bei. © iStockphoto.com/skynesher

In vielen europäischen Ländern gilt: Bei der Hälfte des Haushaltseinkommens ist für die meisten Frauen Schluss. Es scheint, als würde noch immer die Einstellung vorherrschen, dass der Mann den Löwenanteil nach Hause bringen müsse. Doch eine neue Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zeigt: Dass der Mann in der Regel mehr verdient als seine Partnerin, kann auch andere Gründe haben.

(Der folgende Text basiert auf der Publikation The gender cliff in the relative contribution to the household income: insights from modelling marriage markets in 27 European countries des MPIDR-Forschers André Grow und wurde auch schon in der Ausgabe 01/2020 der Demografischen Forschung aus Erster Hand veröffentlicht.)

In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurde in Sachen Gleichstellung viel erreicht: Frauen haben die Männer in der Bildung ein-, teilweise überholt, haben männlich dominierte Branchen erobert und auch Ehen werden gleichberechtigter geführt. Nach wie vor halten sich aber noch einige deutliche Geschlechterunterschiede in Familien: Dazu gehört, dass Männer in der Regel noch immer den größeren Anteil zum Haushaltseinkommen beitragen.

Die Daten aus 27 europäischen Ländern, die André Grow vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung und Jan Van Bavel von der Katholischen Universität Löwen (KU Leuven) für ihre Studie analysiert haben, zeigen dies eindrucksvoll (vgl. ein Auswahl hierzu in Abb.1): Die relative Einkommensverteilung steigt zunächst deutlich an – von dem Punkt, an dem Frauen gar nichts zum gemeinsamen Haushalt beitragen, bis zu dem Punkt, an dem Frauen und Männer gleich viel verdienen. Doch nach diesem 50:50-Punkt geht die Kurve steil nach unten. Während es also durchaus viele Partnerschaften gibt, in denen die Frauen fast so viel oder genauso viel wie die Männer verdienen, gibt es nur sehr wenige Paare, bei denen die Frau mehr verdient als der Mann. Eine Erklärung für dieses Einkommens-„Kliff“ scheint nahezuliegen: Eine Frau, die mehr verdient als der Mann, verstößt noch immer gegen soziale Normen, gegen die Rollenvorstellung vieler Menschen.

Tatsächlich aber lässt sich noch eine ganz andere Ursache für die gläserne Decke beim Einkommensanteil der Frauen finden. Grow und Van Bavel zeigen in einer aktuellen Studie, dass sich das Kliff auch einfach auf die unterschiedlichen Einkommenshöhen von Männern und Frauen zurückführen lässt. Schließlich verdienen Frauen im Schnitt immer noch deutlich weniger als die Männer.

Geht man nun davon aus, dass Männer und Frauen Partner mit hohem Einkommen gegenüber solchen mit niedrigem Einkommen vorziehen, dann werden sich Männer beim Einkommen ihrer Partnerin in der Regel mit weniger zufrieden geben müssen. Denn selbst ein gering verdienender Mann wird in der Regel mehr verdienen als eine gering verdienende Frau. Es gibt zwar dann auch viele Frauen, die besser verdienen als dieser Mann. Diese werden sich aber in der Regel auch besser verdienende Partner suchen – so die Vermutung. Auf diese Weise könnte ein Einkommens-„Kliff“ entstehen, ohne dass die Partner bewusst eine Situation vermeiden, in der die Frau mehr verdient.

Abb.1: Das Geschlechter-Kliff: Während es sehr viele Partnerschaften gibt, in denen die Frau fast so viel oder genauso viel wie der Mann verdient, fällt die Kurve danach steil ab: Es gibt nur wenige Partnerinnen, die mehr als 50 oder 60 Prozent zum Haushaltseinkommen beitragen. Dabei sind die Ergebnisse aus den empirischen Daten und der Modellsimulation in aller Regel sehr ähnlich. Dass es in Deutschland in den empirischen Daten vergleichsweise wenige Partnerschaften gibt, in denen die Frauen 25 bis 50 Prozent zum Einkommen beisteuern, könnte unter anderem am Steuersystem liegen, das Kombinationen aus sehr geringen und sehr hohen Einkommen belohnt. Die Zahlen oben links geben an, wie viele Frauen gar nichts verdienen (S= Simulation, E= empirische Daten, in %). Quelle: EU-SILC 2007 und 2011. © MPIDR

Um diese These zu untermauern, haben die beiden Demografen eine Simulation durchgeführt. Etwas vereinfacht ausgedrückt, nahmen Sie die Einkommensdaten von 25- bis 45-jährigen Männern und Frauen aus 27 verschiedenen europäischen Ländern und schickten diese Datenpunkte auf einen virtuellen Heiratsmarkt.

Bei ihrer Partnersuche gehen die virtuellen Männer und Frauen ganz materialistisch vor: Sie haben den Auftrag, einen Partner mit möglichst hohem Einkommen zu suchen. Ein reichlich schematischer, simpler und zudem sehr unromantischer Hochzeitsmarkt, könnte man meinen. Doch die Ergebnisse sind denen der echten empirischen Daten in vielen Ländern erstaunlich ähnlich (vgl. Abb. 1).

Auch in der Simulation haben sich oft Paare gefunden, bei denen die Frau etwas weniger oder zumindest doch nicht mehr verdient. Auch das Kliff nach der 50:50-Linie findet sich in den Ergebnissen der Simulation wieder. Natürlich, so betonen die beiden Demografen, sei das Modell als Minimal-Simulation zu betrachten, in der viele Aspekte, die auf dem echten Heiratsmarkt eine Rolle spielen, ausgeblendet werden, z.B. die Bildung der Partner, das Steuersystem oder das soziale Umfeld. Solche Aspekte könnten einige Unterschiede zwischen den empirischen Daten und dem Modell erklären, so Grow und Van Bavel. Die beiden Demografen wollen ihre Studie denn auch nicht als Beweis dafür verstanden wissen, dass die soziale Norm bei der Einkommensverteilung von Männern und Frauen überhaupt keine Rolle spiele. Aber ihre Studie zeigt, dass es eine solche Norm nicht zwangsläufig braucht, um das Geschlechter-Kliff in der Einkommensverteilung zu erklären.

Die Ergebnisse zeigten vielmehr, dass es für die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht nur einen ideellen Wandel brauche, sondern auch einen institutionellen, so Grow und Van Bavel. Nur wenn das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern verschwinde, ließen sich Bedingungen schaffen, mit denen mehr Gleichheit innerhalb der Familien erreicht werden könnte.

Wissenschaftlicher Artikel

Grow, A.; van Bavel, J.:
European Journal of Population Online First, 1–23. (2020)    

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