31. März 2003 | Pressemitteilung

Die Demografie des 21. Jahrhunderts
Implikationen aktueller Sterblichkeitsentwicklungen

Prof. James W. Vaupel
Gründungsdirektor des
Max-Planck-Institutes für demografische Forschung
in Rostock

Weltweit - mit ganz wenigen Ausnahmen - steigt die Lebenserwartung, und das mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich die jeweils maximale Lebenserwartung 1 bei Geburt für Frauen im Schnitt um etwa drei Monate pro Jahr erhöht. Das ist das zentrale Ergebnis einer in der renommierten Wissenschaftszeitschrift Science im Mai 2002 erschienenen Studie 2. Hielten im Jahr 1840 Frauen in Schweden den Rekord mit einer Lebenserwartung von etwas mehr als 45 Jahren, so führen zur Zeit die Japanerinnen die Hitliste mit einer Rekordlebenserwartung von fast 85 Jahren an. Für Männer ist die Lebenserwartung in diesem Zeitraum ebenfalls linear angestiegen, allerdings mit etwas geringerem Zuwachs (im Schnitt etwas mehr als 2,5 Monate pro Jahr). Auch hier steht Japan, nahezu gleich auf mit Island, in der Rangliste mit einer aktuellen Lebenserwartung von beinahe 78 Jahren vorn. Deutschland liegt im Vergleich zum Rekordhalter Japan um rund dreieinhalb bis vier Jahre zurück, aber auch hierzulande steigt die Lebenserwartung ständig.

Die Ursachen für diese Entwicklung haben sich im Laufe der vergangenen anderthalb Jahrhunderte allerdings gewandelt: Während der Zuwachs an Lebenserwartung zunächst im Wesentlichen auf die Zurückdrängung der ehemals enormen Kindersterblichkeit zurückzuführen war (am Beginn des 20. Jahrhunderts verstarb in Deutschland im Schnitt noch jedes fünfte Neugeborene vor dem Erreichen des ersten Geburtstages, heute ist dies nur bei etwas mehr als vier von tausend der Fall), so haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Erwachsene im jungen und mittleren Alter wesentlich von der Bekämpfung der Infektionskrankheiten, der Einführung von Impfungen, Verbesserungen in der Geburtshilfe und Entdeckung von wirksamen Medikamenten, wie Antibiotika, profitiert.

In den vorigen drei Jahrzehnten hat sich das Bild allerdings erneut drastisch gewandelt: Aktuelle Zuwächse an Lebenserwartung sind vorrangig den enormen Mortalitätsverbesserungen im Alter geschuldet. Bestand beispielsweise in den alten Bundesländern im Jahre 1970 für eine 80-jährige Frau eine Wahrscheinlichkeit von knapp 10% innerhalb des nächsten Jahres zu versterben, so hat sich dieses Risiko auf heute weniger als 5% halbiert. Welch starke Auswirkungen Änderungen der Lebensbedingungen selbst im hohen Alter noch haben können, konnte eine in der Abteilung Altern und Langlebigkeit durchgeführte Studie über die Auswirkungen der Wiedervereinigung zeigen 3: Seit dem Jahre 1989 hat sich die Restlebenserwartung im Alter 80 für Frauen in den neuen Bundesländern (d.h. die unter jeweils aktuellen Bedingungen durchschnittliche verbleibende Lebensspanne im Alter 80) innerhalb eines Jahrzehnts um fast zwei Jahre auf jetzt mehr als acht Jahre erhöht. Sie stimmt mittlerweile nahezu mit dem Wert der alten Bundesländer überein und stellt eine für diesen kurzen Zeitraum beeindruckende Steigerung dar. Männer haben von den Veränderungen nicht so rasant profitiert, jedoch konnte auch hier von 1989 bis 1999 eine Steigerung der Restlebenserwartung im Alter von 80 Jahren um fast anderthalb Jahre beobachtet werden. Die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West ist im Hinblick auf die Mortalitätsverbesserungen für alte Menschen nahezu gelungen.

Eine Folge der verringerten Sterblichkeit im Alter ist die Zunahme der Hochaltrigen: In den alten Bundesländern hat sich die Zahl derjenigen Menschen, die ihren 100. Geburtstag feiern konnten, von 535 im Jahre 1980 auf 2501 im Jahre 1998, also innerhalb von 18 Jahren, etwa verfünffacht. Auch in den neuen Bundesländern beobachten wir eine Zunahme der Hundertjährigen. Unzweifelhaft ist 100 heute immer noch ein Alter mit gewissem Seltenheitswert. Allerdings gehen wir davon aus, dass es realistisch ist, dass etwa die Hälfte der heute in Deutschland geborenen Mädchen den Beginn des 22. Jahrhunderts noch erleben wird.

Neben den Hundertjährigen nimmt die Personengruppe der Höchstaltrigen rapide zu: die sog. Supercentenarians, das sind Personen, die ein Alter von 110 Jahren und mehr erreichen konnten. Die ersten validierten, d.h. sorgfältig auf die Richtigkeit ihres Alters geprüften Fälle konnten Mitte der 1960er-Jahre bestätigt werden, und ihre Zahl ist seitdem stetig angestiegen. Zur wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens extremer Langlebigkeit wird am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Zusammenarbeit mit der Universität Montpellier die International Database of Longevity (IDL) aufgebaut. Darin werden alle nach strengen Kriterien validierten Fälle von Höchstaltrigen gesammelt. Gleichzeitig sind Forscher unseres Institutes verantwortlich für den Beitrag Deutschlands in dieser Datenbank. Durch das Zusammenführen der weltweit verfügbaren Informationen erwarten wir neue Erkenntnisse über das immer noch seltene Phänomen der extremen Langlebigkeit.

Natürlich haben alle diese Entwicklungen weitreichende Konsequenzen, und Prognosen, mit welchen Entwicklungen der Sterblichkeit wir in Zukunft rechnen können, sind von großem gesellschaftspolitischem Interesse. Es spricht vieles dafür, dass die Prozesse, die zu dieser Entwicklung geführt haben, sich auch in Zukunft fortsetzen werden: Haben wir im 20. Jahrhundert eine technische Entwicklung erlebt, die für die Menschen um 1900 sicherlich unvorstellbar war (Autos, Flugzeuge, Space Shuttle, Fernseher, Computer und das Internet), so sind im 21. Jahrhundert Fortschritte durch neue Erkenntnisse im Bereich der Gentechnologie, durch bessere Medizintechnik auf Grund von Nanotechnologie oder weitere Einsichten in zur Zeit noch bedrohliche Krankheiten wie Alzheimer und Krebs nicht unwahrscheinlich. Was wir aus der Vergangenheit lernen können, ist, dass alle bisherigen Prognosen zu Verbesserung der Mortalität im Vergleich zur tatsächlichen Entwicklung zu pessimistisch waren. Oftmals wird die steigende Lebenserwartung als Bedrohung oder gar als Krise wahrgenommen. Richtig ist, dass die alternde Gesellschaft uns vor große Herausforderungen stellt, denen wir uns umgehend stellen müssen. Aber letztlich ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen ein immer höheres Alter erreichen können und dabei auch gesünder alt werden als ihre Vorfahren, eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften.

Über das MPIDR

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock untersucht die Struktur und Dynamik von Populationen. Die Wissenschaftler*innen des Instituts erforschen politikrelevante Themen wie den demografischen Wandel, Altern, Geburtendynamik und die Verteilung der Arbeitszeit über die Lebensspanne, genauso wie den digitalen Wandel und die Nutzbarmachung neuer Datenquellen für die Erforschung von Migrationsströmen. Das MPIDR ist eine der größten demografischen Forschungseinrichtungen in Europa und zählt international zu den Spitzeninstituten in dieser Disziplin. Es gehört der Max-Planck-Gesellschaft an, der weltweit renommierten deutschen Forschungsgemeinschaft.

 


1Die Lebenserwartung gibt das durchschnittliche Todesalter an, das sich bei Fortbestand der aktuellen Sterblichkeitsverhältnisse ergeben würde. Im Allgemeinen verbessern sich die medizinischen und ökonomischen Rahmenbedingungen im Laufe der Zeit, so dass für heute Geborene mit einem tatsächlich noch höheren Durchschnittsalter zu rechnen ist.

Themen-verwandte Publikationen

2Oeppen, J. and J.W. Vaupel: Broken limits to life expectancy. Science 296(2002)5570, 1029-1031. DOI:10.1126/science.1069675

3Gjonça, A., H. Brockmann and H. Maier: Old-age mortality in Germany prior to and after reunification. Demographic Research 3((2000)1. DOI:10.4054/DemRes.2000.3.1

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist eines der international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.