23. Januar 2023 | Pressemitteilung

Die meisten Frauen in Afrika südlich der Sahara heiraten nach einer Trennung bald wieder, obwohl die Wieder-Heirats-Rate sinkt

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Zwei Wissenschaftler*innen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock analysierten wann im Leben Paarbeziehungen und Ehen in den vergangenen vierzig Jahren in 34 afrikanischen Ländern südlich der Sahara endeten. Dafür nutzten sie indirekte demografische Techniken auf eine neue Art und umgingen so den Datenmangel.

Das Ende von Ehen und erneute Heirat sind in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara weit verbreitet, wo ein beträchtlicher Teil der Ehen in Witwenschaft und Scheidung endet. Der MPIDR-Doktorand Ben Malinga John und die MPIDR-Forscherin Natalie Nitsche haben sich das Thema genauer angesehen und einen neuen Ansatz gewählt, um den Datenmangel zu umgehen. Ihre Studie wurde nun im Fachmagazin Population and Development Review veröffentlicht.

Ihre vier Hauptergebnisse zum Ende von Partnerschaften und Wiederverheiratung in Afrika südlich der Sahara sind:

  • Die Auflösung von Partnerschaften und Ehen ist weit verbreitet, sie erfolgt relativ früh im reproduktiven Alter, dadurch gehen nur wenige Jahre in der reproduktiven Lebensphase verloren. In 28 von 34 Ländern enden über 20 Prozent der ersten Ehen innerhalb von 15 Jahren. Die durchschnittliche Ehedauer schwankt dabei zwischen 4,8 und 9,4 Jahren. In allen Ländern heiraten Frauen schnell wieder. Die durchschnittliche Dauer zwischen dem Ende der ersten Ehe und der Wiederverheiratung liegt zwischen 0,2 und 2,9 Jahren. Insgesamt gehen dadurch in der reproduktiven Lebensphase zwischen 1,3 und 5,3 Jahren verloren.
  • Scheidung und Verwitwung werden seltener, allerdings nicht in allen Ländern. Insgesamt ist die Auflösung von Partnerschaften in 28 von 34 Ländern zurückgegangen. In vier Ländern nimmt sie jedoch zu: Gambia, Kenia, Namibia und Simbabwe.
  • Nicht nur die Auflösung von Partnerschaften wird seltener, sondern auch die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Heirat – eine Dynamik, die in mehreren Ländern zu einem Anstieg der durch Ehe-Ende verlorenen Reproduktionszeit geführt hat.
  • Westafrika unterscheidet sich von anderen afrikanischen Regionen südlich der Sahara durch das Ausmaß und den Zeitpunkt des Ehe-Endes sowie durch die Zeit, die Frauen deshalb unverheiratet verbringen. Die Zahl der Trennungen ist in Westafrika gering und erfolgt in einem relativ hohen Alter. Die Neigung zur Wiederverheiratung ist jedoch hoch, und das Tempo der Wiederverheiratung ist in dieser Region höher als in Ost- und Zentralafrika. Im Durchschnitt liegt die Zeit zwischen zwei Ehen in Westafrika bei 1,3 Jahren, in Zentralafrika bei 1,8 Jahren und in Ost- und Südafrika bei 1,9 Jahren.

„Nicht nur die Frage, ob, sondern auch wann eine Ehe endet und wie lange die Menschen unverpartnert bleiben, hat soziale und demografische Auswirkungen“, sagt Ben Malinga John und fügt hinzu: „Zum Zeitpunkt des Ehe-Endes laufen Frauen und ihre Kinder häufig Gefahr in komplexe Familienstrukturen wie Haushalte mit alleinerziehenden Müttern, polygyne Ehen und Stieffamilien zu geraten.“ Diese Lebensformen haben im Allgemeinen ungünstige sozioökonomische und gesundheitliche Folgen. 

Die Herausforderung besteht darin, dass es in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara an national repräsentativen Daten über den Zeitpunkt der Auflösung von Partnerschaften und die dadurch nicht genutzte reproduktive Lebensphase mangelt. Diese Lücke ist in erster Linie auf das Fehlen detaillierter Heiratsgeschichten aus national repräsentativen Erhebungen zurückzuführen. „Daher haben wir indirekte demografische Techniken auf eine neue Art genutzt, um diese Hochrechnungen aus den verfügbaren national repräsentativen Eheschließungsdaten zu erstellen. So bringen wir die Forschung über die Auflösung von Ehen, Wiederverheiratung und deren soziale und demografische Folgen in dieser Weltregion voran“, sagt Ben Malinga John.

Finanzierung von national repräsentativen, detaillierten Daten zur Heiratsgeschichte ist notwendig

Der Forscher und seine Co-Autorin verwendeten Daten aus fast 140 Erhebungen der Demographic and Health Surveys (DHS), die zwischen 1986 und 2019 in 34 afrikanischen Ländern südlich der Sahara durchgeführt wurden. DHS sind national repräsentative Erhebungen, die in den frühen 1980er Jahren eingeführt wurden. Sie erheben eine Reihe von Informationen zur Ehe, die für die Forschungsfragen wesentlich sind. Für die Berechnung der Lebenszeit in der Ehe verwendeten die Forschenden die Hochrechnungen zur Sterblichkeit, die aus den United Nations (UN) 2019 population prospects life tables abgeleitet wurden.

„Dennoch fordern wir nationale Regierungen und internationale Organisationen wie USAID, UNICEF, den United Nations Population Fund und den Population Council dazu auf, Umfragen zu detaillierter Heiratsgeschichten in national repräsentativen Erhebungen im Globalen Süden zu finanzieren“, sagt Ben Malinga John. Die Erhebung solcher Daten hat großes Potenzial, das Verständnis der Familiendynamik und ihrer sozioökonomischen, demografischen und gesundheitlichen Auswirkungen auf Kinder und Frauen zu revolutionieren.

Originalpublikation

John, B.M., Nitsche, N.: Dynamics of Union Dissolution in Sub-Saharan Africa. Population and Development Review (2022). DOI: 10.1111/padr.12529

Autor*innen und Institutionen

Ben Malinga John, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock; Universität Stockholm

Natalie Nitsche, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Open Science

Die in dieser Studie verwendeten Daten sind frei zugänglich.

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Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist eines der international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.