17. Mai 2021 | Pressemitteilung

Gefühl dem Schicksal ausgeliefert zu sein, ist stärker in strukturschwachen Wohngegenden

In Wohngebieten mit erhöhter Arbeitslosigkeit oder dort, wo es Fluglärm gibt, haben ältere Menschen weniger das Gefühl Kontrolle über ihr eigenes Leben zu haben. © photocase.com/Zauberbart

Eigenschaften der Wohngegend beeinflussen, wie wir unsere eigenen Gestaltungsmöglichkeiten im Leben bewerten. Das fand ein Forscherteam mit MPIDR-Wissenschaftler Peter Eibich durch die kombinierte Analyse von Umfrage- und Georeferenzdaten heraus.

Ältere Menschen, die dort leben, wo es viele Arbeitslose gibt, haben häufiger das Gefühl, dem Schicksal ausgeliefert zu sein, als andere. Eine Erklärung ist, dass die Wohngegend beeinflusst, wie Menschen die Möglichkeiten bewerten, ihr Leben selbst zu gestalten.

Es macht also einen Unterschied, wo Menschen leben. Objektive Merkmale der Wohngegend wie Nähe zu einem Krankenhaus, Fluglärm oder Arbeitslosigkeit hängen mit dem subjektiven Gefühl zusammen, Kontrolle über das eigene Leben zu haben.

Das zeigt zum ersten Mal eine gemeinsame Studie mehrerer Forschungseinrichtungen, darunter das Max-Planck-Institut für demografische Forschung Rostock und die Humboldt Universität Berlin. Die Ergebnisse der Studie werden in der Fachzeitschrift Gerontology veröffentlicht.

„Es lohnt sich dort einen Verein oder ein Café aufzubauen“

Die Forschenden nutzten Umfragedaten von 507 über 60-jährigen Berlinerinnen und Berlinern, die im Rahmen der „Berliner Altersstudie II“ befragt wurden. Die Wissenschaftler*innen kombinierten die Angaben der Umfrageteilnehmenden, darüber wie stark sie Kontrolle über das eigene Leben spüren mit georeferenzierten Daten über Eigenschaften ihres Wohngebiets. Anschließend kontrollierten sie für eine große Bandbreite von Variablen, die Einfluss auf die Selbstauskunft haben können, wie etwa dem Gesundheitszustand oder dem sozialen und ökonomischen Status.

In ihrem statistischen Modell erklärten dann die Merkmale der Wohngegend Unterschiede im Kontrollempfinden zwischen den Teilnehmenden teilweise genauso gut wie demografische Angaben zu Alter und Geschlecht.

Daraus leiteten die Forschenden den Zusammenhang zwischen den objektiven Merkmalen des Wohngebiets und der subjektiven Wahrnehmung der Kontrolle über das eigene Leben ab.

„Wir folgern daraus, dass neben kognitiven, physischen und psychosozialen Faktoren die Umstände in der Wohngegend Schlüsselfaktoren sind, für das Gefühl Kontrolle über sein eigenes Leben zu spüren“, sagt Peter Eibich. Der stellvertretende Gruppenleiter am MPIDR ergänzt: „In Wohngebieten mit erhöhter Arbeitslosigkeit oder dort, wo es Fluglärm gibt, lohnt es sich soziales Kapital, wie einen Verein oder ein Nachbarschaftscafé aufzubauen.“ Das könne den älteren Menschen dort wieder stärker ein Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben geben.

Originalpublikation

Drewelies, J.*, Eibich, P.*, Duezel, S., Kühn, S., Krekel, C., Goebel, J., Kolbe, J., Demuth, J., Lindenberger, U., Wagner, G.G., & Gerstorf, D.: Location, Location, Location: The Role of Objective Neighborhood Characteristics for Perceptions of Control. Gerontology. (2021) DOI: 10.1159/000515634

(*Erstautorenschaft geteilt)

Autor*innen und Institutionen

Johanna Drewelies, Humboldt-Universität zu Berlin

Peter Eibich, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Sandra Düzel, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Simone Kühn, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Christian Krekel, London School of Economics, London

Jan Goebel, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin

Jens Kolbe, Technischen Universität Berlin

Ilja Demuth, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Ulman Lindenberger, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, Max Planck UCL Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research, Berlin und London

Gert G. Wagner, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin

Denis Gerstorf, Humboldt-Universität zu Berlin, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin, Pennsylvania State University

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Autor der Studie

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