27. Juli 2021 | Pressemitteilung

Migration von Forschenden: Wer kommt nach Deutschland? Wer verlässt es?

Im deutschen Wissenschaftssystem ist das Geschlechterverhältnis in bestimmten Forschungsbereichen sehr ungleich. Unter Forschenden, die nach Deutschland kommen, ist es dagegen ausgeglichener. © iStockphoto.com/gorodenkoff

Ein Team um MPIDR-Forscherin Xinyi Zhao analysierte Zu- und Abwanderung von Wissenschaftler*innen nach und aus Deutschland mit Hilfe bibliometrischer Angaben von über acht Millionen wissenschaftlicher Veröffentlichungen in der Online-Publikationsdatenbank Scopus. Mit den USA, Großbritannien und der Schweiz ist der Austausch am größten. In Forschungsfeldern wie den Ingenieurwissenschaften und der Physik könnten Wissenschaftlerinnen, die nach Deutschland einwandern, dazu beitragen, das extreme Ungleichgewicht im Geschlechterverhältnis zu mildern.

„Wir haben für verschiedene Wissenschaftsbereiche ausgewertet, wie Ab- und Zuwanderung von Forschenden in Deutschland damit zusammenhängt, wie häufig ihre wissenschaftlichen Studien zitiert werden“, sagt Xinyi Zhao, Doktorandin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock.

Zusammen mit Samin Aref, bis vor kurzem wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIDR, dem MPIDR-Direktor Emilio Zagheni und einem Forschenden der University of British Columbia analysierte sie die Trends der internationalen Migration von Wissenschaftler*innen aus und nach Deutschland in den vergangenen 25 Jahren.

Das Team stützte sich dabei auf umfangreiche bibliometrische Daten von über acht Millionen wissenschaftlicher Publikationen, die von über einer Million Forschenden veröffentlicht wurden und in der Datenbank Scopus indexiert sind. Das Team wertete aus, wie sich die Affiliation der Forschenden änderte, die im Zeitraum zwischen 1996 und 2020 auch mit einer Affiliation in Deutschland publiziert haben.

Ab- und zuwandernde Wissenschaftler*innen leisten einen wichtigen Beitrag zur Forschung in Deutschland

In diesem Zeitraum waren rund 14 Prozent aller Forschenden, deren Erstpublikation eine deutsche Affiliation hatte, abgewandert. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 86 Prozent aller Forschenden, die in Deutschland ihre Karriere begonnen haben, auch in Deutschland geblieben sind. International mobile Wissenschaftler*innen leisten aber einen überproportional großen Beitrag zum deutschen Wissenschaftsbetrieb. Ihre Studien werden deutlich häufiger zitiert.

Es kommen zwar auch Forschende aus dem Ausland nach Deutschland, allerdings ist ihre Zahl kleiner, als die Zahl der abgewanderten Wissenschaftler*innen. „Das zeigt den Einfluss des deutschen Wissenschaftsbetriebs in der Welt. Gleichzeitig scheint Deutschland aber im globalen Wettbewerb um Talente nicht sein volles Potenzial auszuschöpfen um renommierte Wissenschaftler*innen zu gewinnen und zu binden“, sagt Emilio Zagheni.

Nach vorliegender Auswertung der Migrationsdaten der Scopusdatenbank, kommen aus den USA, Großbritannien und der Schweiz die meisten Wissenschaftler*innen nach Deutschland. Gleichzeitig sind diese drei Länder auch die beliebtesten Ziele für Forschende, die Deutschland verlassen. 58 Prozent aller auswandernden Forschenden ziehen in eines dieser drei Länder.

In Forschungsfeldern wie den Ingenieurwissenschaften und der Physik ist das Geschlechterverhältnis unter den international mobilen Forschenden etwas ausgeglichener als das in Deutschland. © MPIDR

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Im deutschen Wissenschaftsbetrieb gibt es in einigen Forschungsfeldern ein sehr ungleiches Geschlechterverhältnis der Forschenden. In den Ingenieurwissenschaften kommen zum Beispiel elf Forscher auf nur eine Forscherin. In der Physik liegt das Verhältnis von Männern zu Frauen bei über acht zu eins.

Bei den zugewanderten Forschenden ist in diesen Disziplinen das Verhältnis zwischen Männern und Frauen etwas ausgewogener. „Dies deutet darauf hin, dass einwandernde Wissenschaftlerinnen dazu beitragen können, einige der extremsten Unterschiede im Geschlechterverhältnis abzumildern“, sagt Samin Aref.

Die Studie wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert.

Originalpublikation

Zhao, X., Aref, S., Zagheni, E., Stecklov, G.: International Migration in Academia and Citation Performance: An Analysis of German-Affiliated Researchers by Gender and Discipline Using Scopus Publications 1996-2020. Proceedings of the 18th International Conference on Scientometrics and Informetrics (ISSI 2021) issi2021.org/proceedings/

Autor*innen und Institutionen

Xinyi Zhao, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Samin Aref, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Emilio Zagheni, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Guy Stecklov, University of British Columbia

Kontakt

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MPIDR-Autor*innen der Studie

Doktorandin

Xinyi Zhao

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Gastwissenschaftler

Samin Aref

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Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist eines der international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.