06. November 2020 | Pressemitteilung

So ging die Fertilität in Lateinamerika im 20. Jahrhundert in verschiedenen sozialen Schichten zurück

Vor allem weil Paare aus niedrigen sozialen Schichten weniger Kinder bekamen, sank die Fertilitätsrate. Das Foto entstand 1970 in La Paz, Bolovien. © iStockphoto.com/atlantic-kid

Für sechs lateinamerikanische Länder analysierte MPIDR-Forscher Andrés Castro, wie die Fertilitätsrate in verschiedenen sozialen Schichten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sank. Er stellte erhebliche Unterschiede bei der Familienbildung und der Kinderzahl von Frauen aus der Ober- und Unterschicht fest. Deshalb schlägt er einen Perspektivwechsel vor, um den Fertilitätsrückgang genauer zu untersuchen.

„Ich glaube, wir überschätzen unser Wissen über den demografischen Wandel. Dies gilt besonders für das 20. Jahrhundert in den Ländern des Globalen Südens“, sagt Andrés Castro. Der Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock fügt hinzu: „Wir neigen zur Annahme, dass sich das, was in den entwickelten Ländern geschehen ist, anderswo wiederholt. Aber das ist nicht unbedingt der Fall.“ Deshalb schlägt Andrés Castro in seiner Studie, die im European Journal of Population veröffentlicht wurde, einen Perspektivwechsel vor. So soll der Fertilitätsrückgang nicht weiterhin auf Variablen fokussiert interpretiert werden, sondern auf Basis sozialer Schichten. „Das ist wichtig, da die neue Perspektive dazu beiträgt, Lücken in bestehenden Theorien zu schließen. Vor allem dann, wenn wir die Erfahrungen sozial und wirtschaftlich benachteiligter Menschen erklären wollen“, sagt Andrés Castro.

In seiner Studie beschreibt er drei Hauptaspekte der Beziehung zwischen Fertilität und sozialer Schicht: Erstens: Der Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und Fruchtbarkeit besteht über die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinweg. Zweitens nahm die Fertilität in verschiedenen sozialen Schichten gleichzeitig, aber unterschiedlich ab. Drittens spielen die Distanzen sozialer Schichten eine doppelte Rolle. Sie fördern und verhindern den Wandel hin zur Akzeptanz kleinerer Familien.

Paare aus der Unter- und Oberschicht veränderten ihre Fertilität unterschiedlich

Mit Volkszählungsdaten aus Bolivien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Paraguay rekonstruierte Andrés Castro, wann und wie viele Kinder 1,7 Millionen Paare bekommen haben, die zwischen 1920 und 1965 geboren wurden. Anhand dieser Fertilitätsverläufe konnte er untersuchen, wie sich die Fruchtbarkeit in verschiedenen Kohorten veränderte. Es gelang ihm auch, diese Entwicklung mit den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in Lateinamerika zwischen 1950 und 1999 in Verbindung zu bringen.

Die Ergebnisse zeigen, dass Paare aus der Unter- und Oberschicht ihre Fertilität unterschiedlich verändert haben. Frauen aus der Oberschicht bekamen ihr erstes Kind später. Die Lebensphase, in der sie Kinder bekamen, blieb aber fast so lang wie vorher. Deshalb verringerte sich die Zahl der Kinder, die sie zur Welt brachten am wenigsten, verglichen mit der anderer sozialer Schichten. Da zudem nur wenige Frauen zur Oberschicht zählten, trugen diese Veränderungen nur wenig zum allgemeinen Rückgang der Kinderzahl pro Frau bei.

Frauen aus der Unterschicht hingegen bekamen ihr erstes und ihr letztes Kind früher. Sie verkürzten also die Lebensphase des Kinderkriegens. Da viele Frauen zur Unterschicht zählten, trugen diese Entwicklungen am meisten zum allgemeinen Rückgang der Fertilität bei.

„Die Fertilitätsraten in den sechs untersuchten Ländern stand in engem Zusammenhang mit der allgemeinen Verteilung der sozialen Schichten“, sagt Andrés Castro. Im Laufe der Zeit führte die ungleiche soziale und wirtschaftliche Entwicklung in den einzelnen Ländern zu einem ungleichen - aber dennoch allgemeinen - Rückgang der Fertilität.

Originalpublikation

Castro, A.: Analysis of Latin American fertility in terms of probable social classes. European Journal of Population. (2020) DOI: 10.1007/s10680-020-09569-7

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