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Neue Veröffentlichung | 24.09.2013

Ein Leben ohne Kinder

In Kürze erscheint ein neues Buch über Kinderlosigkeit. Im Interview erklärt die Herausgeberin Michaela Kreyenfeld, welche Aussagekraft amtlichen Daten tatsächlich haben und räumt mit dem Vorurteil auf, dass vor allem Akademikerinnen sich gegen das Mutterwerden entscheiden.

DAs Buch "Leben ohne Kinder" wird voraussichtlich am 31. Oktober 2013 erscheinen.

Frau Kreyenfeld, die erste Auflage Ihres Buches liegt gerade mal fünf Jahren zurück. Ist es nicht ein bisschen früh für eine Neuauflage?

Michaela Kreyenfeld: Nein, bestimmt nicht. Wir haben die neue Auflage aktualisiert und erweitert, weil es neue Untersuchungen und Ergebnisse zur Kinderlosigkeit gibt. Mehrere Autorinnen und Autoren haben ihre Beiträge komplett überarbeitet. Außerdem haben wir ungewollte Kinderlosigkeit aufgegriffen, ein Thema, dass in der in der ersten Auflage noch fehlte. Viel wichtiger aber ist, dass wir dafür sorgen wollen, dass das Thema weiter auf der Agenda bleibt. Kurz nachdem das erste Buch erschienen ist, ist eine Gesetzesänderung in Kraft getreten, die die Bevölkerungsstatistik und den Mikrozensus betrifft. Seitdem gibt es neue Daten, mit denen man die Kinderlosigkeit quantifizieren kann.

In der öffentlichen Diskussion kursierten Zahlen, nachdem rund 40 Prozent der gut ausgebildeten Frauen kinderlos bleiben würden.
Genau da liegt das Problem: Diese Zahlen basierten zum Teil auf wackligen Datengrundlagen. Sie basierte nicht auf der offiziellen Bevölkerungsstatistik, so wie dies in anderen Ländern der Fall ist. In der Bevölkerungsstatistik sind alle Geburten erfasst, die bei den Einwohnermeldeämtern gemeldet werden. Das Absurde war – bis zu der Gesetzesänderung – dass die Geburtsfolge, also die Zahl, die angibt, um das wievielte leibliche Kind einer Frau es sich handelt, nur für ehelichen Geburten erfasst wurde. Jedoch braucht man die biologische Geburtsfolge, um die Kinderlosigkeit berechnen zu können. Wenn man es so will, mussten wir lange Zeit auf diese Zahlen, die für Politik und Wissenschaft extrem wichtig sind, verzichten, nur weil die antiquierte Vorstellung bestand, dass es nicht schicklich ist, unverheiratete Frauen über ihre nicht-ehelichen Kinder auszufragen. Aber das hat sich ja jetzt geändert.

Wie sieht denn die neue Datenlage aus, mit der die Wissenschaftler rechnen können?
Die Bevölkerungsstatistik ist zwar nun reformiert, jedoch wird es rund 30 Jahre dauern, bis wir auf Basis dieser Statistik die Kinderlosigkeit berechnen können. Der Grund ist, dass erst ein kompletter Geburtsjahrgang auf Basis dieser neuen Methode erfasst werden muss, bevor man die Kinderlosigkeit dieses Jahrgangs berechnen kann.

30 Jahre sollen wir auf die Ergebnisse warten? Wir brauchen sie doch viel früher. Schließlich geht es ja auch darum zu wissen, wie stark uns der demografische Wandel betreffen wird....
Wann und wie viele Kinder eine Frau kriegt, das sind Lebenslaufentscheidungen. Entsprechend muss erst einen kompletten Geburtsjahrgang auf Basis der neuen Methode erfasst werden, um die Kinderlosigkeit zu berechnen. Wichtig ist aber, dass wir mit der Gesetzesänderung die Statistik zukunftsfähig gemacht haben. Und erste Ergebnisse auf Basis der neuen Erfassungsmethode haben wir ja bereits. Bislang wussten wir nicht, wie alt Frauen waren, wenn sie ihr erstes Kind bekommen haben. Mit der neuen Erfassungsmethode wissen wir, dass Frauen im Schnitt fast 30 Jahre alt sind. Die Kinderlosigkeit müssen wir jedoch in den nächsten Jahrzehnten übergangsweise auf Basis anderer Quellen berechnen.

Welche andere Datenquelle ist das?  Und gibt es nun neue Erkenntnisse zur Kinderlosigkeit?
Wichtig ist hier der Mikrozensus. Der Mikrozensus ist die größte repräsentative Befragung in Deutschland, die durch das Statistische Bundesamt durchgeführt wird. Auch diese Datenbasis erlaubte in der Vergangenheit nicht, Kinderlosigkeit zu berechnen, da die Kinderzahl von Frauen nicht erhoben wurde.  Mit der Reform der Bevölkerungsstatistik hat man auch das Mikrozensusgesetz reformiert. Dem Fragenkatalog ist eine Frage hinzugefügt worden, mit der die Zahl der Kinder, die eine Frau geboren hat, ermittelt werden kann. Seit 2008 ist diese Frage nun im Mikrozensus enthalten, wird aber nur alle vier Jahre abgefragt. Zwar gab es gewisse Probleme mit der 2008er Befragung. Wir haben aber seitdem relativ klare Daten, an denen wir uns festhalten können. Bei den westdeutschen Frauen, die zwischen 1955 und 1965 geboren worden sind, sind etwa 20 Prozent kinderlos geblieben. Bei den westdeutschen Akademikerinnen des gleichen Jahrgangs sind es etwa 30 Prozent. In Ostdeutschland ist Kinderlosigkeit bislang weniger verbreitet.

Vor fünf Jahren wurde in Deutschland das Elterngeld eingeführt. Ab diesem Sommer soll es Kindergartenplätze für alle geben. Wirken sich diese familienpolitischen Maßnahmen schon auf die Kinderlosigkeit aus?
Es gibt es erste Schätzungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, nachdem die Kinderlosigkeit unter den Akademikerinnen rückläufig ist. Gewissheit haben wir allerdings noch nicht. Wir werden noch etwas Geduld haben müssen, um die Frage abschließend beantworten zu können, welchen Einfluss die neuen familienpolitischen Maßnahmen auf das Geburtenverhalten und die Kinderlosigkeit haben.

Zur Person

Die Soziologin Michaela Kreyenfeld ist stellvertretende Leiterin des Arbeitsbereichs Ökonomische und Soziale Demografie am MPIDR. Schwerpunkte ihrer Forschung sind Kinderbetreuung und Fertilität, Nichteheliche Elternschaft, Soziale Ungleichheit und Familie Kinderlosigkeit in Ost- und Westdeutschland.

 

Mehr Informationen

Ein Leben ohne Kinder - Ausmaß, Strukturen und Ursachen von Kinderlosigkeit, Konietzka, Dirk; Kreyenfeld, Michaela (Hrsg.), 2., überarb. u. erw. Aufl., 2. Aufl. 2013, XI, 397 S., 40 Abb. ISBN 978-3-531-18355-8

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