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Neue Veröffentlichung | 14.05.2019

Was der Musikgeschmack über kulturelle Identität verrät

© aviindy / photocase.com

MPIDR-Forscher haben mithilfe von Facebook-Daten zum Musikgeschmack aufzeigen können, dass Einwanderer in den USA sich ganz unterschiedlich an die Kultur ihrer neuen Heimat anpassen. Sie stellten unter anderem fest, dass sich die erste Generation Einwanderer – entgegen allen Erwartungen – stark an die neue Kultur angleicht.

In einer Studie, die heute in dem Tagungsband der World Wide Web conference 2019 veröffentlicht wurde, haben MPIDR-Direktor Emilio Zagheni und MPIDR-Wissenschaftler Tim Riffe untersucht, wie sich mexikanische Migranten in den USA an die Kultur ihrer neuen Heimat anpassen. Die Forscher nutzten Daten des sozialen Netzwerks Facebook zum Musikgeschmack, um Aussagen über die kulturelle Assimilation der Migranten treffen zu können.

"Musikgeschmack eignet sich sehr gut, um kulturelle Assimilation zu untersuchen", sagt Zagheni. "Musik ist ein Marker für kulturelle Identität und sozialen Status. Es ist eine wichtige symbolische Ressource, auf die Menschen zurückgreifen, um ihre Position in der Gesellschaft zu verhandeln und zum Ausdruck zu bringen." Die Grundidee der Studie: Je mehr der Musikgeschmack der Einwanderer sich mit dem Geschmack der US-Amerikaner überschneidet, desto größer die Assimilation; je geringer die Überschneidung, desto geringer die Assimilation. "Wir nutzen das Wort ‚Assimilation‘ als Terminus technicus. Gemeint ist damit, dass die Distanz zwischen zwei Gruppen reduziert wird", betont Zagheni.

Um an die Facebook-Daten zu kommen, nutzten die Forscher ein Tool, das die Plattform Werbekunden zur Verfügung stellt: Damit Werbetreibende mit ihren Anzeigen genau ihre Zielgruppe erreichen, gibt Facebook einige demografische Parameter und Interessen seiner Nutzer preis. Zum Beispiel kann man seine Anzeigen an bestimmte Migranten-Gruppen adressieren oder an bestimmte Altersgruppen. Man kann angeben, in welchen Regionen die Menschen leben, für die die Anzeigen sichtbar sein sollen. Ebenso ist es möglich, nach Herkunftsländern, Sprachpräferenz und Musikgeschmack auszuwählen. Zudem erfährt der Werbetreibende, wie viele Menschen es in jeder Subgruppe, die er ansprechen möchte, gibt.

Für ihre Untersuchungen ordneten die Wissenschaftler über 700 verschiedene Musikrichtungen den unterschiedlichen Kulturen zu. Salsa und Mariachi werden zum Beispiel häufig von Mexikanern gehört, Rock und Pop von Anglo-Amerikanern und Rap von Afro-Amerikanern. Die Forscher stellten dann Vergleiche zwischen verschiedenen Gruppen an, nämlich zum Beispiel zwischen den Migranten der ersten und der zweiten Generation und den in Mexiko lebenden Mexikanern sowie den Anglo-Amerikanern und Afro-Amerikanern.

Ihre Ergebnisse zeigen ein sehr heterogenes Muster der Assimilation: Die Analyse zeigte zum Beispiel, dass die erste Generation mexikanischer Einwanderer ein relativ hohes Maß an kultureller Assimilation aufweist und zwar sowohl mit den kulturellen Eigenheiten der Anglo- als auch der Afro-Amerikaner. Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Generation, allerdings fällt hier eine Sub-Gruppe aus dem Rahmen: Diejenigen, die in erster Linie spanisch sprechen, zeigten sich auch im Musikgeschmack weniger assimiliert. Einen erheblichen Einfluss hat auch das Bildungsniveau: je höher gebildet, desto größer die Assimilation, so lautet die Faustregel, die sich aus der Studie ableiten lässt.

Die Forscher schauten auch auf regionale Unterschiede und stellten fest, dass Migranten, die in Gegenden wohnen, in denen überwiegend Einwanderer leben, stärker zu Afro-Amerikanischer Musik geneigt sind als zu Anglo-Amerikanischer. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass sie in diesen Gegenden eher mit diesem Musik-Typ in Berührung kommen und sich vielleicht auch besser mit der Musik einer ebenfalls gesellschaftlich benachteiligten Gruppe identifizieren können.

"Unsere Studie zeigt, dass Assimilation kein einheitlicher und kein linearer Prozess ist, der auf alle Menschen eines Herkunftslandes anwendbar ist", fasst Zagheni zusammen. Ihre Daten sind ein weiterer Hinweis darauf, dass die so genannte "straight-line theory" (Theorie der geraden Linie) nicht auf alle Migranten-Gruppen anwendbar ist. Die “straight-line theory” basiert auf Untersuchungen zu der ersten Einwanderungswelle von Europa in die USA zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Mehrere Studien hatten gezeigt, dass die meisten europäischen Einwanderungsgruppen sich innerhalb weniger Generationen kulturell kaum mehr von den Anglo-Amerikanern unterschieden. Man ging davon aus, dass dies ein grundlegendes Charakteristikum von Assimilation sei. Doch schon die darauffolgenden Einwanderer-Gruppen aus Lateinamerika und Asien, die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die USA kamen, widerlegten diese Theorie. Schon bei ihnen waren die Assimilationsmuster vielfältiger. Während wohlhabende Migranten sehr schnell kulturelle Gewohnheiten der Anglo-Amerikaner übernahmen, passten sich die finanziell schlechter gestellten Einwanderer eher den kulturellen Normen der Afro-Amerikaner an, mit denen sie die ärmeren Wohngegenden teilten. Die aktuelle MPIDR-Studie zeigt nun noch einmal auf, dass Assimilation noch vielfältiger ist und eine einzige Theorie nicht auf alle Einwanderer anwendbar ist.

Nicht nur die Ergebnisse, auch die Methode der Studie sind neu. Die Nutzung von Social Media-Daten in den Sozialwissenschaften steckt noch in den Kinderschuhen. In der klassischen demografischen Forschung verlässt man sich traditionell nur auf qualitativ hochwertige Daten – zum Beispiel Zensus-Daten, oder Daten, die aus wissenschaftlichen Studien stammen. Auch wenn bei den Facebook-Daten die Qualität nicht vollständig sichergestellt werden kann, bieten sie völlig neue Einblicke, die klassische Datenbestände überhaupt nicht gewähren. In bisherigen Studien zur Assimilation konnten zum Beispiel nur Vergleiche zwischen erster und zweiter Generation von Migranten gezogen werden. "Erst Facebook mit seiner weltweiten Verbreitung hat uns erlaubt, die zweite Generation mit den Menschen im Ursprungsland zu vergleichen. Unsere Studie zeigt, dass dieser Vergleich wichtig ist, denn die Migranten der ersten Generation eignen sich nicht als Referenzgröße, weil sie schon assimilierter sind, als man angenommen hat. Mit klassischen Datenquellen war dieser Vergleich nicht möglich", sagt Zagheni und nennt noch einen weiteren Pluspunkt für die Facebook-Daten: "Die Interessen werden von den Benutzern definiert. Dies bietet eine Bottom-Up-Perspektive auf kulturelle Interessen, die häufig in anderen Datenquellen wie etwa Umfragen übersehen wird."

Der Wissenschaftler betont außerdem, dass in ihrer Studie keine persönlichen Daten genutzt werden: "Wir nutzen nur aggregierte Daten, die Werbekunden zur Verfügung gestellt werden. Diese Daten lassen keine Rückschlüsse auf den Einzelnen zu."

Der Artikel ist das Ergebnis eines Forschungsvorhabens, an dem neben den MPIDR-Forschern Emilio Zagheni und Tim Riffe auch noch René Flores von der Universität Chicago, Ingmar Weber vom Qatar Computing Research Institute und Ian Stewart vom Georgia Institute of Technology beteiligt waren. Ian Stewart hat an dem Projekt gearbeitet, als er im Sommer 2018 im Rahmen des MPIDR-Gästeprogramms am Institut war.

 

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