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News | 19.11.2018

Wieder bei den Eltern leben zu müssen, wirkt sich negativ auf die psychische Gesundheit aus

© napri / photocase.com

Die Zahl der jungen Erwachsenen, die in ihrem eigenen Haushalt leben, ist in den letzten Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten dramatisch zurückgegangen. Immer mehr junge Menschen kehren irgendwann in ihr Elternhaus zurück. „Boomeranging back“ nennt man diesen Trend, der mit einer Zunahme an depressiven Symptomen bei den Betroffenen einhergeht, wie eine neue MPIDR-Studie zeigt.

Die Zahl der jungen Erwachsenen, die im eigenen Haushalt leben, ist in den letzten Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten drastisch gesunken. In einer Studie, die heute in der Peer-Review-Fachzeitschrift “Society and Mental Health” veröffentlicht wurde, untersucht die MPIDR-Forscherin Jennifer Caputo, wie sich diese Rückkehr ins Elternhaus nach einer Zeit der Unabhängigkeit auf die psychische Gesundheit auswirkt. Sie fand heraus, dass bei jungen Erwachsenen, die in das elterliche Heim zurückkehren mussten, gehäuft depressive Symptome auftraten.

Aktuelle Schätzungen des Pew Research Center zeigen, dass mehr US-amerikanische Erwachsene zwischen 18 und 34 Jahren bei ihren Eltern leben, als alleine oder mit einem Partner: 1960 lebten 62 Prozent der jungen Erwachsenen in ihrem eigenen Haushalt, 2014 waren es nur noch 31,6 Prozent. Hauptgrund dafür ist, dass die jungen Menschen erst später oder gar nicht die wirtschaftliche Unabhängigkeit erreichen und später eine Familie gründen. Gut bezahlte Vollzeitarbeitsplätze sind für junge Menschen in den Vereinigten Staaten rar, und die verfügbaren Stellen erfordern immer längere Ausbildungszeiten. Das amerikanische Ideal der frühen Unabhängigkeit ist also zunehmend schwieriger zu erreichen, insbesondere seit der Finanzkrise von 2008. Andere Untersuchungen zeigen, dass die Finanzkrise junge Erwachsene besonders hart getroffen hat und dass sie zunehmend auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen sind, die sie in finanziellen Notlagen unterstützen, wozu auch die Rückkehr ins Elternhaus zählt.

„Wir wissen viel über die Gründe, warum junge Erwachsene zu den Eltern zurückkehren, aber es gibt kaum Untersuchungen darüber, wie sich das auf ihre psychische Gesundheit auswirkt”, sagt die Autorin der Studie, MPIDR-Forscherin Jennifer Caputo.

In ihrer Studie verwendete Caputo Daten aus der National Longitudinal Study of Adolescent to Adult Health, kurz Add Health. Add Health ist eine Längsschnittstudie, die Mitte der 1990er Jahre mit einer Stichprobe von über 20.000 amerikanischen Jugendlichen in den Schulklassen 7 bis 12 begonnen wurde. Bis dato wurden fünf weitere Erhebungen durchgeführt, die die Jugendlichen bis ins junge Erwachsenenalter begleiteten. Die Informationen zu den Wohnverhältnissen stammen aus den Jahren 2002 bis 2008, als die Teilnehmer zwischen 24 und 32 Jahre alt waren.

Caputo stellte fest, dass Männer und ethnischen Minderheiten, häufiger bei ihren Eltern leben, als Frauen und weiße junge Erwachsene. Sie fand außerdem heraus, dass junge Erwachsene, die allein leben, weniger deprimiert sind, finanziell besser gestellt sind und zudem häufiger andere Meilensteine des Erwachsenwerdens erreicht haben, wie zum Beispiel einer Arbeit nachzugehen und verheiratet zu sein. Diejenigen, die nach einer Zeit der Unabhängigkeit zu ihren Eltern zurückkehren, haben häufiger persönliche Rückschläge erlitten, wie Verlust der Einkommensquelle und der Partnerschaft. Caputo: „Wirtschaftliche und soziale Unabhängigkeit gilt als eines der Merkmale für einen erfolgreichen Übergang in das Erwachsenenalter, gleiches gilt für das Leben in der eigenen Wohnung. Wenn diese Ziele nicht erreicht werden, kann dies dazu führen, dass bei den Betroffenen das Gefühl entsteht, versagt zu haben.”

Vieles im Zusammenhang zwischen dem „Boomeranging back“ und Depressionen lässte sich durch Veränderungen erklären, die die jungen Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung zurückwerfen wie der Verlust einer Arbeitsstelle oder einer Beziehung. Doch auch nach Berücksichtigung dieser Faktoren bleibe die Rückkehr ins Elternhaus ein wichtiger Prädikator für Depressionen, so die Wissenschaftlerin.

„Meine Ergebnisse zeigen, dass die Rückkehr ins Elternhaus nach einer Zeit der Unabhängigkeit deprimierend sein kann. Sie weisen darauf hin, dass die eigene Wohnung immer noch ein Maßstab dafür ist, ob man Unabhängigkeit erreicht hat. Die Ergebnisse stehen im Einklang mit anderen Forschungsergebnissen, die zeigen, dass Enttäuschungen in anderen Lebensbereichen sich negativ auf die psychische Verfassung auswirken”, sagt Caputo.

Sie forscht derzeit weiter und will die psychische Gesundheit von Eltern untersuchen, deren erwachsene Kinder nach Hause zurückkehren. „Diese Entwicklungen betreffen auch Eltern. Es ist möglich, dass ein erwachsenes Kind, das wieder zu Hause leben muss, auch für die Eltern eine enttäuschende, anstrengende und deprimierende Erfahrung sein kann.”

Mehr Informationen

Caputo, J.: Parental Coresidence, Young Adult Role, Economic, and Health Changes, and Psychological Well-Being, Society and Mental Health, online first, November 19, 2018 DOI 10.1177/2156869318812008

Ansprechpartner

Jennifer Caputo  Autor des Artikels (spricht Englisch)
E-MAIL              caputo@demogr.mpg.de

Silvia Leek  –     Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
TELEFON          +49  381 2081 – 143
E-MAIL              presse@demogr.mpg.de

 

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