16. Mai 2022 | Pressemitteilung

Demografische Analyse zeigt langanhaltende Folgen des Völkermords in Guatemala

Altar zum Gedenken an die Opfer des Völkermords an den Maya Achi 1982 in Guatemala. © Vivian Guzman

Was sind die langfristigen Folgen für Überlebende von Massengewalt? Eine neue Studie des MPIDR-Forschers Diego Alburez-Gutierrez dokumentiert die Zahl der Todesopfer des Völkermords an den Maya Achi in Guatemala und zeigt welche Rolle dies für das historische Gedächtnis des Volkes spielt.

„Ich habe angefangen, an diesem Thema zu arbeiten, weil ich die sozialen Folgen von Gewalttaten für die Überlebenden verstehen wollte“, sagt Diego Alburez-Gutierrez, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock.

Seine neueste Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift Demography veröffentlicht wurde, befasst sich mit den langfristigen Auswirkungen des Völkermords am Maya-Volk der Achi. Während des Bürgerkriegs in Guatemala von 1960 bis 1996 wurde das Volk Opfer mehrerer staatlich unterstützter Massaker.

Ein Drittel der Bevölkerung wurde getötet, zwei Drittel verloren einen Verwandten

Im ersten Teil der Studie dokumentiert Diego Alburez-Gutierrez erstmals die Zahl der Todesopfer des Völkermords im Dorf Rio Negro mit demografischen Angaben zu Alter, Geschlecht und sozioökonomischem Status. Das hat in Guatemala historische Bedeutung. Denn die meisten Kriegsverbrechen werden bis heute nicht offiziell von staatlichen Stellen anerkannt.

Der zweite Studienteil untersucht, wie die überhöhte Zahl von Todesfällen durch die Massaker und der Verlust in den Familien zusammenhängen. Diego Alburez-Gutierrez kommt zum Ergebnis, dass ein Drittel der Bevölkerung durch den Völkermord getötet wurde, und zwei Drittel mindestens ein Familienmitglied verloren haben.

Bevölkerungspyramiden des Dorfes Rio Negro in Guatemala, in der Zeit kurz nach dem Völkermord (links) und 33 Jahre danach (rechts). Jede Person (Kacheln) ist entsprechend ihrem Verwandtschaftsgrad mit einem Genozidopfer eingefärbt. © MPIDR

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Noch aufschlussreicher sind die langfristigen Trends: Der Forschende zeigt, dass sich der Anteil der Bevölkerung, der angibt mit einem Opfer verwandt zu sein, langfristig nicht verändert hat. Der Anteil blieb gleich zwischen 1983, dem Jahr nach den Massakern, und 2015, dem Jahr, in dem Diego die Daten sammelte. Das verdeutlicht, dass Familien die Erinnerung an ein Ereignis über Jahrzehnte wach halten können. 

Die wichtigste Datenquelle der Studie waren 100 Interviews, die der Forscher mit Überlebenden des Völkermords im Dorf Rio Negro in Guatemala führte. Dabei wurden Informationen von 3.566 Einzelpersonen und 1.986 verheirateten Paaren erfasst. Diego Alburez-Gutierrez überprüfte seine Daten, indem er die Interviewdaten mit zwei Volkszählungen verglich, die Daten auf individueller Ebene über die Bevölkerung von Rio Negro enthielten. Die erste Zählung wurde 1981, ein Jahr vor dem Völkermord, durchgeführt, die zweite 2008, 26 Jahre nach dem Völkermord.

„Für mich zeigt die über Jahrzehnte weitergegebene Erinnerung über den Verlust von Angehörigen zwei Dinge. Zum einen ist es ein Beispiel dafür, wie Katastrophen über Generationen hinweg und innerhalb von Familien nachhallen. Zum anderen stärkt das Erinnern das historische Gedächtnis. Jungen Menschen, die nach dem Völkermord geboren wurden, bleibt eine direkte Verbindung zu den Geschehnissen“, sagt Diego Alburez-Gutierrez.

Original Publication

Alburez-Gutierrez, D.: The Demographic Drivers of Grief and Memory after Genocide in Guatemala. Demography (2022). DOI: 10.1215/00703370-9975747

Autor und Institution

Diego Alburez-Gutierrez, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

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MPIDR-Autor der Studie

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist eines der international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.