19. August 2021 | Pressemitteilung

Immer häufiger werden Mütter um erwachsene Kinder trauern

Die Forschenden prognostizieren, dass Mütter in Zukunft eher ein erwachsenes Kind verlieren, wenn sie selbst älter als 65 Jahre sind, als ein junges Kind, bevor sie 50 werden. © iStockphoto.com/fizkes

Erste weltweite Hochrechnungen zeigen, wie viele Mütter im Laufe ihres Lebens den Verlust eines ihrer Kinder betrauern werden. Diese Hochrechnungen des MPIDR-Forschers Diego Alburez-Gutierrez und Kolleg*innen deuten aktuell darauf hin, dass ‚Kindstod‘ in Zukunft vor allem den Tod erwachsener Nachkommen meint.

Der Tod eines Kindes betrifft das Leben von Eltern und Familien weltweit, aber über das Ausmaß des Phänomens ist sehr wenig bekannt.

„Wir haben die ersten Hochrechnungen weltweit erstellt, die angeben, wie wahrscheinlich es für eine Frau ist zu ihren Lebzeiten ein Kind zu verlieren“, sagt Diego Alburez-Gutierrez, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock. Dazu gehören die Größenordnung, die Prävalenz und die Altersverteilung von trauernden Müttern, für Frauen weltweit, die zwischen 1950 und 2000 geboren wurden.

Die Forschenden prognostizieren, dass in Zukunft immer weniger Mütter die Erfahrung machen, ein Kind zu verlieren. Zum Beispiel werden Frauen, die im Jahr 2000 geboren wurden, im weltweiten Durchschnitt 1,6 Mal weniger Kindstode während ihres gesamten Lebens erleben als Frauen, die 1955 geboren wurden.

Langjährigen, weltweiten Trend umgekehrt

„Der Zeitpunkt, an dem Mütter von Kindersterblichkeit betroffen sind, hat sich in einem noch nie dagewesenen Ausmaß verschoben – vom reproduktiven Alter ins Rentenalter“, sagt Alburez-Gutierrez. Diese Trend-Verschiebung beginnt bei Frauen, die 1985 geboren wurden. Diese Mütter werden eher ein erwachsenes Kind verlieren, wenn sie selbst älter als 65 Jahre sind, als ein junges Kind, bevor sie 50 werden.

Das kehrt einen langjährigen globalen Trend um. Der Tod von Kindern wird in Zukunft immer mehr den Tod von erwachsenen Nachkommen meinen.

© MPIDR

Für die Analysen verwendete das Forscherteam eine neue Methode aus der formalen Demografie, und wendete sie auf Daten der ‚Revision of the United Nations World Population Prospects 2019‘ an. Ihre Studie veröffentlichte das Team in der führenden Fachzeitschrift Demography.

Unterschiede zwischen Globalem Norden und Süden werden laut Hochrechnung weiterhin bestehen bleiben. Die Forschenden prognostizieren anhaltende regionale Ungleichheiten, darin wie stark Mütter mit dem Tod eines ihrer Kinder rechnen müssen. Dennoch deuten die Analysen darauf hin, dass sich die bis heute anhaltende Kluft zwischen dem Globalen Norden und Süden in naher Zukunft verringern könnte.

„Ich selbst bin in Guatemala, einem Land mit hoher Sterblichkeit aufgewachsen und lebe jetzt in Deutschland, mit sehr niedriger Sterblichkeit“, sagt Diego Alburez-Gutierrez. Dadurch sei dem Forscher bewusst geworden, wie unterschiedlich der Bezug ist, den Menschen zum Tod haben. „Deshalb wollte ich ein Maß entwickeln, um diese Unterschiede zu erfassen“, fügt Alburez-Gutierrez hinzu. Auch wenn die Sterblichkeit in einem Land rasch sinkt, werden die Auswirkungen hoher Mortalität jeden Einzelnen und jede Einzelne im Alltag noch über Generationen hinweg beeinflussen.

Originalpublikation

Alburez-Gutierrez, D., Kolk, M., Zagheni, E.: Women’s Experience of Child Death: A Global Demographic Perspective. Demography (2021). DOI: 10.1215/00703370-9420770

Autor*innen und Institutionen

Diego Alburez-Gutierrez, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Martin Kolk, Universität Stockholm

Emilio Zagheni, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Weiterführende Informationen

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