19. Januar 2023 | Pressemitteilung

Abwanderung von Forschenden: Wirtschaftliche Entwicklung führt nicht zwangsläufig zu Braindrain

© iStockphoto.com/Muhamad Chabib alwi

Ein Team des Arbeitsbereichs Digitale und computergestützte Demografie am MPIDR hat eine Datenbank erstellt, die die Anzahl der Forschenden pro Land sowie die Migrationsströme und -raten von 1996 bis 2021 enthält. Das Team analysierte auch die Beziehung zwischen Auswanderung und wirtschaftlicher Entwicklung pro Land. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Muster der Abwanderung von Forschenden von denen auf allgemeiner Bevölkerungsebene unterscheiden und nicht unbedingt zu sogenanntem Braindrain führen.

Ein Team des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock hat eine Datenbank über die internationale Migration von Wissenschaftler*innen zusammengestellt, um die Auswanderungsmuster und -trends dieser wichtigen Gruppe von Innovatoren zu bewerten. Ihre Studie wurde diese Woche im Fachjournal PNAS veröffentlicht.

In einem ersten Schritt erstellte das Team eine Datenbank mit der Anzahl von Wissenschaftler*innen, die regelmäßig Studien veröffentlichen, sowie Migrationsströme und Migrationsraten für alle Länder, in denen Wissenschaftler*innen, die in der bibliografischen Datenbank Scopus gelistet sind, Studien veröffentlicht haben.

Für diese Migrationsdatenbank hat das Team Metadaten von mehr als 36 Millionen Studien, die zwischen 1996 und 2021 veröffentlicht wurden, ausgewertet. „Diese Migrationsdatenbank ist eine wichtige neue Quelle, um besser zu verstehen, wann, wie und warum Forschende auswandern,“ sagt MPIDR-Forscherin Ebru Sanliturk. Der Datenwissenschaftler Maciej Danko fügt hinzu: „Während die Daten aus der Scopus Datenbank urheberrechtlich geschützt sind, haben wir einen anonymisierten Datensatz auf aggregierter Ebene erzeugt, den wir für nicht-kommerzielle Zwecke weitergeben und für weitere Forschung öffentlich zugänglich machen.“

MPIDR-Forscher Aliakbar Akbaritabar erklärt, wie sie die bibliografischen Daten verarbeitet haben, um Informationen über die Migrationsmuster von Forschenden zu erhalten: „Wir haben die Metadaten, etwa den Titel der Studien, die Namen der Autor*innen und die Affiliation der Forschenden zu fast jeder Studie verwendet, die seit 1996 in Scopus veröffentlicht wurde. Wir haben alle der rund 17 Millionen in der bibliografischen Datenbank verzeichneten Forschenden über die Jahre hinweg verfolgt und Veränderungen in der Affiliation festgestellt. Dadurch wissen wir, wie viele Wissenschaftler*innen ein bestimmtes Land jedes Jahr verlassen haben.“

Die Karte enthält Werte für die 100 Länder mit der höchsten Anzahl aktiver Forschender und mit einer Bevölkerung von mindestens 500.000 Menschen. In den meisten Ländern liegt die Auswanderungsrate unter 40 pro 1000 Wissenschaftler*innen. Sudan, Malawi, Simbabwe, El Salvador und die Dominikanische Republik weisen die höchsten Raten auf. Andere bemerkenswerte Länder mit hohen Auswanderungsraten sind Kanada, Peru, die Schweiz, Irland, Kenia, Uganda, Saudi-Arabien, Oman, Jemen, Georgien, Bangladesch und Nepal. © MPIDR

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Die empirische Analyse des Teams konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Auswanderung und wirtschaftlicher Entwicklung eines Landes. Sie zeigt, dass sich die Muster der Migration von Forschenden stark von denen der allgemeinen Bevölkerung unterscheiden.

Bisher sagte die Forschung, dass die Auswanderungsraten in einkommensschwachen Ländern zunächst ansteigen, wenn ein Land reicher wird. Ab einem bestimmten Punkt verlangsamt sich der Anstieg und der Trend kehrt sich um, die Auswanderungsraten sinken.

Das bedeutet, dass die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung zunächst den konträren Effekt hat. Die Abwanderung aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nimmt zunächst zu, anstatt sich zu verringern.

Gilt dieses Muster auch für die Migration von Wissenschaftler*innen?

Nicht ganz.

Das Team fanden heraus, dass bei Forschenden das Muster umgekehrt ist: In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nehmen die Auswanderungsraten ab, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf steigt. Ab einem BIP von etwa 25.000 US-Dollar kehrt sich der Trend allerdings um und die Auswanderungsrate nimmt zu.

MPIDR-Direktor Emilio Zagheni fügt hinzu: „Forschende sind Innovatoren, deren Arbeit wirtschaftliche Auswirkungen hat. Wir haben gezeigt, dass ihre Auswanderungsmuster nicht unmittelbar mit der wirtschaftlichen Entwicklung zunehmen, sie sinkt vielmehr bis zu einem Wendepunkt mit erhöhtem Einkommen und steigt dann erst an. Dies bedeutet, dass eine zunehmende wirtschaftliche Entwicklung nicht notwendigerweise zum sogenannten Braindrain in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen führt.“

Diese und ähnliche Muster aufzudecken und wissenschaftliche Fragen mit gesellschaftlichen Auswirkungen zu beantworten, war nur dank der sorgfältigen Arbeit an der neuen Datenbank zur Migration von Forschenden möglich. „Im Moment geben wir einer noch umfassenderen Datenbank, der Scholarly Migration Database, den letzten Schliff. Demnächst werden wir sie auf einer eigenen Website veröffentlichen,“ sagt Softwareentwickler Tom Theile.

Originalpublikation

Sanliturk, E., Zagheni, E., Danko, M.J., Theile, T., Akbaritabar, A.: Global patterns of migration of scholars with economic development. PNAS (2022). DOI: 10.1073/pnas.2217937120

Autor*innen und Institutionen

Ebru Sanliturk, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Emilio Zagheni, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Maciej J. Danko, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Tom Theile, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Aliakbar Akbaritabar, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Open Data

Skripte und Daten zur Replikation der Ergebnisse sind auf GitHub öffentlich zugänglich.

Kontakt

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Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Softwareentwickler

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Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Stellvertretender Leiter Training

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Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock ist eines der international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, einer der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaften.